Wie wird Vergewaltigung geahndet?

Vergewaltigungen sind zwar in Deutschland verboten. Doch nur in den seltensten Fällen führt eine Anzeige auch zur Verurteilung von Tätern. Zwischen 1997 und 2012 waren es im Schnitt 14 Prozent. Den Grund hat der Bundesverband der Beratungsstellen Frauen gegen Gewalt in einer Fallanalyse von 107 Fällen ermittelt. Ein "Nein" genügt nicht für eine Verurteilung. Ein Täter kann sich über das "Nein" hinwegsetzen. Mit einer Verurteilung muss er nur rechnen, wenn ihm erheblicher körperlicher Widerstand geleistet wurde. Und das, obwohl die Frauen dann damit rechnen müssen, die Tat nicht zu überleben. Deshalb hat das Deutsche Institut für Menschenrechte in der Debatte um die Reform des Vergewaltigungsparagrafen im Sommer 2015 gefordert, dass er das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Opfer schützen müsse.

Gibt es eine spezifische "Machokultur" in bestimmten Gruppen?

Experten sehen besonders bei männlichen Muslimen im Jugendalter ein "Machoverhalten", für das sie meist aber nicht die Lehren des Islam, sondern eine bestimmte gesellschaftliche Praxis verantwortlich machen. Vor fünf Jahren legte das Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen eine Studie vor, wonach gläubige muslimische Jugendliche deutlich gewaltbereiter seien als Migranten anderer Konfessionen. Dies führten die Wissenschaftler vor allem auf unterschiedliche Männlichkeits-Vorstellungen zurück. Der damalige Institutschef Christian Pfeiffer sagte, die Religiosität fördere die Akzeptanz der Machokultur. Muslimische Jugendliche bekämen oft ein konservatives Bild vorgelebt und pochten auf ihre Vorrechte als Mann.

Islam-Expertin Lale Akgün machte nach den Kölner Geschehnissen Moscheevereine für "ein bestimmtes Frauenbild" verantwortlich. Deren sehr konservative Haltung begünstige "Machoverhalten" und eine pervertierte Moralvorstellung auch unter jungen Muslimen, derzufolge Frauen den Kategorien "Madonnen" und "Huren" zugerechnet würden.

Die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz (Grüne) sieht Möglichkeiten, dagegen anzugehen. "Wir brauchen in Deutschland dringend Strategien gegen ein bestimmtes Frauenbild, das dem weiblichen Teil der Gesellschaft jede Selbstständigkeit abspricht", sagte sie dem Tagesspiegel. In dieser Vorstellung kämen Frauen "nur als Madonnen, die in Ehrbegriffen eingesperrt sind, vor oder als Freiwild, das angeblich jedem Mann zusteht". Ein Instrument in einer solchen Strategie können laut Deligöz Jugendprojekte sein.

Wie ist die Lage weltweit?

Die am Valentinstag 2012 in den USA gestartete Aktion "One Billion Rising", die sich gegen sexuelle Gewalt stark macht, geht weltweit von einem ähnlichen Zahlenverhältnis wie in Europa aus: Eine von drei Frauen ist betroffen. Sie will auch 2016 zwischen dem 14. Februar und dem Frauentag am 8. März wieder Frauen in aller Welt dagegen auf die Straßen bringen. Feministinnen machen eine verbreitete "rape culture", eine verbreitete soziale Bejahung von Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen aus.

Vom Kairoer Tahrir-Platz gingen 2011 Bilder einer jungen Frau um die Welt, die – mutmaßlich von Schlägern des Mubarak-Regimes – attackiert und der die Kleider vom Leib gerissen wurden. Während der wochenlangen Demonstrationen auf dem Tahrir soll es dagegen keine jener Attacken gegen Frauen gegeben haben, die sonst zum Kairoer Alltag gehören. Mohamed Diabs Film Kairo 678 aus dem Jahr 2012 erzählt davon.