ZEIT ONLINE: Wie kann das Eintreten für die Demokratie – auch und gerade Sozialdemokraten – gelingen?

Kurt Beck: Dafür müssen wir Formen entwickeln, die wir noch nicht ausreichend haben. Als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung ist es mir ein Anliegen, Politikaufklärung zu betreiben – etwa, dass es ohne Kompromissfähigkeit nicht geht. Die Demokratie zu verteidigen ist aber nicht Sache nur einer Partei, sondern der gesamten Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Es geht dabei auch um die Angebote, die Parteien machen. Warum zum Beispiel sollten die Bürger mit Blick auf die Flüchtlingspolitik die SPD wählen?

Kurt Beck: Ich glaube, dass die SPD schon die richtigen Antworten gibt: zum einen, in die Integration der Flüchtlinge zu investieren, zum anderen, die sogenannten kleinen Leute nicht zu vergessen.

ZEIT ONLINE: Sie unterstützen also Sigmar Gabriels jüngste Idee zu einer Art Solidarpakt für sozial schwache deutsche Bürger?

Kurt Beck: Wir müssen beispielsweise für die Menschen, die zu uns flüchten, genauso wie für die Leute, die schon hier wohnen, bezahlbaren Wohnraum schaffen. Wir haben angesichts von Milliardenüberschüssen bei den Steuereinnahmen auch die Chance dazu. Die SPD steht dafür, die sich abzeichnende gefährliche Spaltung zwischen Geflüchteten und hier Ansässigen zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Redet man so nicht die Spaltung erst herbei, die man zu verhindern sucht?

Kurt Beck: Man mag darüber streiten, ob Sigmar Gabriel die Vorschläge noch drei Wochen früher gebündelt hätte vortragen sollen. Das ändert aber nichts daran, dass die Forderungen richtig sind: nach bezahlbaren Wohnungen, der Aufstockung kleiner Renten und bezahlbaren Kitaplätzen – die in Rheinland-Pfalz übrigens kostenfrei sind, was die CDU verändern will. Ich merke das in vielen Gesprächen. Die Ängste sind nicht per se ausländerfeindlich oder irrational. Wenn mehr Menschen da sind, verstärkt sich in den Städten der Konkurrenzkampf um bezahlbare Wohnungen. Und da lautet die sozialdemokratische Antwort: Investieren in den sozialen Wohnungsbau.

ZEIT ONLINE: Obwohl die SPD im Bund mit der Rente mit 63 und der Mietpreisbremse Erfolge bei sozialdemokratischen Kernthemen erzielt hat, kommt sie im Bund nicht aus dem Umfragekeller. In Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, in denen am Sonntag auch gewählt wird, könnte die SPD nur noch dritt- oder viertstärkste Kraft werden. Was läuft schief?

Kurt Beck: Als Juniorpartner in einer Koalition erntet man nicht die meisten Lorbeeren. Dazu kommt, dass die SPD immer noch emotional aufzuarbeiten hat, was ihr im Zuge der Agenda-Politik von Gerhard Schröder weggebrochen ist. Das war zwar in großen Teilen richtig, hat aber auch Leute verletzt. Das wäre vermeidbar gewesen. Außerdem gewinnen Grüne und Linke potenzielle SPD-Wähler für sich. Das ist eine schwierige Gemengelage. Aber es bleibt trotzdem richtig, dass die SPD bei ihrem Markenkern bleibt: wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit zusammenzubringen. Wir brauchen Zähigkeit. Dann kommt der Erfolg zurück.

ZEIT ONLINE: Wird es nach dem Wahlsonntag auf jeden Fall mit Sigmar Gabriel als Parteichef weitergehen?

Kurt Beck: Meine Unterstützung hat er zu hundert Prozent. Ich glaube, dass er richtige Antworten gegeben hat. Es ist müßig, ständig über Personen zu diskutieren. Das ist wie bei Fußballvereinen, die schneller den Trainer wechseln als die Spieler ihr Trikot. Wir haben immer erlebt, dass ständige Wechsel an der Spitze aus kurzfristigem Frust heraus uns nicht geholfen haben.