Für Haseloff geht es um viel. Das am Sonntag zu erwartende starke Ergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt könnte seine schwarz-rote Wunschkoalition gefährden. Entsprechend stark setzt er sich von Merkel ab, um auch für ihre Kritiker wählbar zu sein. Ob Haseloff diese opportunistische Dialektik nützt, wird sich noch zeigen. Die Kanzlerin rückt ungeachtet aller parteiinternen Gegner keinen Millimeter von ihrer europäischen Lösung ab, wie sie vor wenigen Tagen bei Anne Will klarmachte. Sich mit Merkel anzulegen, kann gefährlich sein. Das spürte schon Umweltminister Norbert Röttgen: Der hatte vor vier Jahren als CDU-Spitzenkandidat die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zur Abstimmung über Merkels Europapolitik erklärt. Röttgen verlor – und Merkel schmiss ihn aus dem Kabinett. Ihren Widersacher Haseloff könnte sie nicht feuern, aber zumindest parteiintern ignorieren.

Der Spitzenkandidat der Linkspartei, Wulf Gallert, griff Haseloff in der TV-Runde des MDR frontal an. Die Diskussion um Obergrenzen stärke die AfD, schleuderte er ihm mit sonorem Bass entgegen. Doch auch Gallerts Partei hat sich gegen das Brandmarken der AfD entschieden, um in den Umfragen nicht unter 20 Prozent zu rutschen. Er habe schon viele gemeinsame Podien mit AfD-Vertretern absolviert, sagte Gallert im Fernsehstudio. Er will der Partei "nicht die Opferrolle zubilligen". Er versucht, seinen Konkurrenten Poggenburg zu entzaubern, seine Thesen zu neutralisieren.    

Wichtig, wichtiger, Landtagswahlen

Wichtig, wichtiger, Landtagswahlen

Baden-Württemberg wählt, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt auch. Was geht mich das an?

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12 Millionen Menschen können abstimmen. Der 13. März wird in Berlin wie eine kleine Bundestagswahl gesehen, er wirkt auf die Politik der Großen Koalition.

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Koalition in der Krise

Koalition in der Krise

Wegen der Flüchtlingskrise rechnen CDU und SPD zum Teil mit herben Verlusten.

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Panik in der SPD

Panik in der SPD

Alle gucken auf Merkel: Die äußerst schwache SPD aber kämpft um ihren Status als Volkspartei. Behält Sigmar Gabriel die Nerven?

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CDU-Jahre

Nein, es waren wirklich 58. Von 1953 bis 2011 stellte die CDU durchgehend den Ministerpräsidenten.

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AfD

Nein. Die AfD ist zwar stark – aber nicht so stark. Traurig genug: Am Wahlabend wird sie mit der SPD um Platz drei kämpfen.

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Land der Frühaufsteher

Richtig! Die Sachsen-Anhalter müssten nur so früh aufstehen, weil sie in andere Bundesländer pendelten, daran erinnert die SPD: Weil in der Heimat Arbeitsplätze fehlen.

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Nein, die Grünen sind in diesem Wahlkampf ganz auf die SPD konzentriert.

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Was er dafür bräuchte, sind klare Argumente. Derzeit führen die AfD-Wahlkämpfer Gallerts Partei auf ihren Plakaten vor: Die Linke fordere ein "Bleiberecht für alle", ist in blau-rot an vielen Laternenmasten zu lesen. Doch stimmt das denn so? Gallert könnte jetzt entschieden widersprechen, Einschränkungen anführen, um klar zu machen, dass seiner Partei die Ängste der Wähler nicht egal sind. Doch er laviert: Bei der Linken sei die Debatte dazu offen, sagt er am Rande des Wählerforums in Magdeburg. Menschen in Not sollen kommen dürfen. Ja. Auch, wer hier eine Chance auf Arbeit oder Ausbildung hat. Eine Art Bleiberecht unter Bedingungen sozusagen. Aha. Und dann ergänzt er: "Es ist nicht so, dass wir die Leute rufen." Da ist er wieder, der Versuch, sich an die AfD-Wähler heranzupirschen.

SPD-Spitzenkandidatin Katrin Budde versucht der AfD beizukommen, indem sie ihre Drohszenarien sachlich widerlegt. Wo immer die 50-Jährige mit ihrem Wahlkampf-Lkw vorfährt, rechnet sie ihren Zuhörern vor, wie wenig der Flüchtlingszulauf den Alltag in Deutschland verändert. "Wenn eine Million Menschen nach Deutschland kommt, dann wären wir jetzt hier gerade mal einer mehr", sagte sie kürzlich vor etwa 80 Besuchern. Die ehemalige Landeswirtschaftsministerin sucht auf ihren Wahlkampftouren Multiplikatoren für diese Botschaft, mit ihrer mütterlich-einnehmenden Art überzeugt sie Firmenchefs, das auch ihren Belegschaften zu erklären. Sie lässt Flugblätter drucken, die den AfD-Wählern zeigen sollen, wen sie da auf dem Stimmzettel eigentlich ankreuzen würden. Begleitet von Mann und Kind kämpft sie wild entschlossen für ihre sozialdemokratischen Herzensthemen: Angemessen bezahlte Arbeit, die Wirtschaftsentwicklung, bessere Bildung. "Ich muss damit versuchen, durch die Wahl durchzukommen." Bundeschef Sigmar Gabriel assistierte seinen Landtagswahlkämpfern mit dem Versuch, parallel zu den Ausgaben für Flüchtlinge ein Sozialpaket für Deutsche aufzulegen.

Die AfD kann gelassen bleiben

André Poggenburg dagegen beobachtet gelassen, wie sich die Parteien an ihm und der AfD abarbeiten. "Das ist alles nur Wahlkampfgeplänkel", sagt er. Die Distanzierung Haseloffs von Merkel nütze weder ihm als Landespolitiker noch der Gesamt-CDU. "Die Leute merken, dass die CDU die Ziele der AfD übernimmt", sagt Poggenburg. Und die Leute wüssten auch, dass Wahlkampfversprechen nie umgesetzt werden. Dass solche Versprechen stets in Kompromisse münden, die Regierungspartner nach Wahlen miteinander schließen müssen, übergeht Poggenburg. Der Mann der einfachen Botschaften kann sich zurücklehnen, denn selbst die Wahlforschung gibt ihm Recht. Wenn andere Parteien mit Parolen punkten wollen, die sich kaum von denen der AfD unterscheiden, bringe das nichts, bestätigt Wahlforscher Jung. "Das geht nur auf die Mühlen der AfD."

Die anderen Parteien richten sich darauf ein, dass die AfD mit fast 20 Abgeordneten in den Landtag von Sachsen-Anhalt einziehen wird. Die drei großen Parteien planen deshalb bereits für die Zeit danach: Die AfD im Landtag nicht zum Zuge kommen lassen, ihr keinerlei Kooperationsmöglichkeiten eröffnen, lautet das meist zu hörende Szenario. Schon wird überlegt, die Geschäftsordnung des Landtags zu ändern. Denkbar wäre, auf diesem Weg Redezeiten zu beschränken und Zuschüsse an Fraktionen zu kürzen. Vorbild dafür könnte der Schweriner Landtag werden, der nach dem Einzug der NPD beschlossen hatte, dass Fraktionsmitarbeiter nicht vorbestraft sein dürfen. Der politischen Kultur dürfte das dienen. Der Widerstand von Poggenburgs Anhängern gegen die etablierten Parteien und die parlamentarische Demokratie dürfte sich dadurch aber weiter radikalisieren.