"Es kotzt mich an, wie arrogant ihr seid", hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow am Wochenende linken Aktivisten entgegengerufen. "Das ist so eine intolerante Aktion", schob der Linken-Politiker nach. Als Ramelow bemerkte, dass er dabei mit einem Handy aufgenommen wurde, griff er nach dem Gerät, der Film bricht an dieser Stelle ab. In einem inzwischen gelöschten Twitter-Posting hatte er zudem von "Arschlöchern" gesprochen, ohne näher zu benennen, wen er damit meinte.

Der Vorfall ereignete sich am Rande einer Veranstaltung zur Verleihung eines Integrationspreises in Halle. Aktivisten der sogenannten Antideutschen nutzten die Gelegenheit, um den Ministerpräsidenten kritisch anzugehen. Sie hätten die Veranstaltung "missbraucht", um ihre "seltsamen wie falschen Parolen zu propagieren", was dieser sich verbeten habe, sagt ein Sprecher der Thüringer Staatskanzlei. Aus Ramelows Sicht wurde er überfallartig von mehreren Menschen umringt.

Zuvor hatte der thüringische Regierungschef eine von den Antideutschen geplante Aktion mit "Nazi-Methoden" verglichen. Die Aktivisten wollen in Bornhagen demonstrieren, dem Wohnort von AfD-Landeschef Björn Höcke. Mahnwachen vor Privathäusern, das habe es schon bei der NSDAP gegeben.

Womöglich bezog Ramelow sich bei seinem Nazi-Vergleich auch auf einen Vorfall in Tröglitz in Sachsen-Anhalt. Dort war der Bürgermeister zurückgetreten, weil Rechtsextreme vor seinem Haus demonstrieren wollten.

Auch für Herrn Höcke gelte, dass die Privatsphäre ein geschützter Bereich sein müsse, sagte sein Sprecher in Erfurt dazu. "Herr Ramelow hat sehr entschieden Formen des politischen Protestes kritisiert, die denen derer ähneln, gegen die sie sich vorgeblich richten", heißt es von der Landesregierung. In Ausnahmesituationen benutze der Ministerpräsident zudem zur Klarstellung auch eine etwas derbere Sprache. Der "angesprochene Ausdruck 'Arschlöcher' bezieht sich in der Tat nicht auf konkrete Personen, sondern hat einen allgemein deskriptiven Charakter", heißt es zur Erklärung aus der Staatskanzlei.

Das staatstragende Verhalten des ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei in der Bundesrepublik kommt allerdings nicht nur bei den Aktivisten, sondern auch in Teilen seiner Partei nicht gut an. "Ramelow war schon vorher ein rotes Tuch", sagt Daniel Kerekeš, einer der Sprecher der Jugendorganisation der Partei. Die Linksjugend spricht von einer "Entgleisung" Ramelows und einem Wettbewerb um verbale Ausfälle von Bundespolitikern der Linken. Dabei geht es um Aussagen der Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und des ehemaligen Parteichefs Oskar Lafontaine zu Flüchtlingen, in denen sie sich für Abschiebungen und Kontingente ausgesprochen hatten.

Demonstrationen vor der Haustür eines Politikers allerdings unterstützt auch Kerekeš nicht. Allerdings gelte die geplante Kundgebung nicht Höcke selbst, sondern dem ganzen Ort, in dem die AfD überproportional viel Zustimmung erfährt. Doch es sei fast unmöglich, dort zu demonstrieren, ohne Höckes Haus zu passieren. Mit der Einschränkung, nicht vor dem Haus zu demonstrieren, würde die ganze Kundgebung unmöglich.

Zwischen Systemkritik und Regierungsverantwortung

Ramelows Aussage sei "ein typischer Bodo", sagt Kerekeš. Seit er im vergangenen Jahr das Amt des Ministerpräsidenten angetreten hat, streite er sich weniger mit den politischen Gegnern, dafür umso öfter mit Parteigenossen in den sozialen Netzwerken. Dabei fehle ihm inzwischen der Wille, sozialistische Politik umzusetzen. In seiner Zeit in der Opposition war Ramelow noch für seine oft laute Art bekannt.

Dass die Linke in Thüringen in der Regierung ist, kompliziere das Verhältnis zwischen Parteimitgliedern und ihren Unterstützern aus den sozialen Bewegungen, sagt Juliane Nagel, die für die Linke im sächsischen Landesparlament sitzt. Die Debatte sei grundsätzlich nicht neu. Bis heute ist der Konflikt im Inneren der Partei zwischen eher sozialdemokratischen Pragmatikern vor allem im Osten und Linkssektierern, viele davon im Westen, nicht gelöst. Ähnlich wie die Grünen stützt sich die Linkspartei oft auf soziale Bewegungen. Viele der heutigen Abgeordneten haben ihre politischen Wurzeln in einer der Initiativen.

Schon in den 1990ern sei in Sachsen über die Grenzen bei Gewalt und grundsätzlicher Systemkritik zwischen der Partei und Unterstützern diskutiert worden, sagt Nagel. Ähnlich wie jetzt Ramelow waren einst die Realos in Ungnade gefallen, die sich in Berlin und Brandenburg an Landesregierungen beteiligten und zum Beispiel Sparmaßnahmen oder Abschiebungen mittrugen. Von Ramelow, aber auch von den linken Aktivisten hätte Nagel sich etwas mehr Gelassenheit gewünscht.