Kindesmissbrauch, brutale Züchtigungen, Misshandlungen – Paul Schäfer hatte mutmaßlich bereits einige Verbrechen begangen, als er sich 1961 in Chile ansiedelte und die Colonia Dignidad gründete. Der ehemalige evangelische Jugendpfleger war vor der deutschen Justiz geflohen, die gegen ihn wegen sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen ermittelte. Auf einem abgelegenen Landgut in Chile errichtete Schäfer einen totalitären Staat im Staate, der jahrzehntelang bestehen konnte – aufgrund von guten Verbindungen und der Deckung durch das Pinochet-Regime.

Dass Schäfer seine Terrorkolonie ungestört betreiben konnte, lag aber auch am Auswärtigen Amt, das in der Angelegenheit eine erstaunliche Passivität an den Tag legte. Hinweise von Familienangehörigen auf die Zustände in der Kolonie blieben folgenlos. Statt einzugreifen, verlegten sich die Diplomaten auf Nichtstun. Vor Ort half die deutsche Botschaft indirekt gar dabei, Schäfer und seine Sekte zu legitimieren. Zwischendurch hatte die Vertretung einen so schlechten Ruf, dass aus der Colonia Dignidad Geflohene sich lieber an die kanadische Botschaft wandten.

Diesem dunklen Kapitel in der Geschichte des deutschen Außenministeriums widmete sich am Dienstagabend Frank Walter Steinmeier bei einem Treffen mit Opfern von Schäfers Sekte. "Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes", sagte Steinmeier laut Redemanuskript in einer Rede, in der er auch eine Aufarbeitung ankündigte. Deutsche Diplomaten hätten über viele Jahre hinweg "bestenfalls weggeschaut" und "jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute" getan. Auch nachdem die Kolonie aufgelöst worden war, sei das Amt nicht entschlossen und transparent genug vorgegangen.

Der Zeitgeist als Erklärung

Das Verhalten der Diplomaten erklärte Steinmeier in Teilen mit dem Zeitgeist. Die Einhaltung der Menschenrechte auf anderen Kontinenten sei zu dieser Zeit noch kein zentraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik gewesen. Vielleicht sei so zu verstehen, dass ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Santiago de Chile 1977 den Zustand in der Colonia Digdnidad als "ordentlich und sauber" beschrieb, sagte Steinmeier. Vielleicht sei so auch zu erklären, dass der deutsche Botschafter öffentliche Ehrenerklärungen für die Kolonie formulierte, während gleichzeitig Minderjährige, die aus der Kolonie geflohen waren, von der Botschaft unter Verweis auf das Sorgerecht zurückgeschickt wurden. 

Die Dimension der Gewalt, so Steinmeier, sei im Auswärtigen Amt nur sehr langsam verstanden worden. "Dass das überhaupt passierte, lag nicht an einem politischen Kurswechsel in Bonn, sondern ist Einzelpersonen zu verdanken", sagte Steinmeier. So etwa Dieter Haller, der nach einem Besuch in der Kolonie 1987 festhielt: "So muss Theresienstadt gewesen sein." In der Folge habe der Botschaftsmitarbeiter gegen großen Widerstand gehandelt. Haller führte eine "Konsularsprechstunde" ein, bei der die Bewohner der Colonia Dignidad erstmals ohne einen Schergen von Schäfer an ihrer Seite bei der Botschaft vorsprechen konnten.

Steinmeier verspricht schnelle Aufklärung

Die Schwerfälligkeit der Botschaft erklärte Steinmeier schließlich auch mit einem Spannungsfeld. Einerseits sei es der Vertretung auf gute Beziehungen zum Gastland angekommen, auf der anderen Seite stand die Wahrung der Menschenrechte. "Das Amt und die Botschaft haben die Orientierung verloren", sagte Steinmeier. Den Opfern und Aufklärern dankte der Außenminister für ihren Mut. Sie hätten sich "große Verdienste darum erworben, dass am Ende die Wahrheit ans Licht gekommen ist".

Als Konsequenz will Steinmeier jetzt schnell Transparenz bezüglich der Rolle des Auswärtigen Amtes schaffen. Die gesetzliche Schutzfrist soll um zehn Jahre verkürzt werden, damit die Dokumente der Jahre 1986 bis 1996 sofort zugänglich sind. Das Material soll aufgearbeitet werden und künftig Teil der Diplomatenausbildung werden. "Es gibt Fälle, in denen das Handeln nach Recht und Gesetz nicht reicht. Fälle, in denen uns die Verantwortung, die wir alle tragen, gebietet, mehr zu tun", sagte Steinmeier. Die fehlende Weisung dürfe nie Rechtfertigung dafür sein, wegzuschauen oder untätig zu sein.