"Ah", brummelt der ältere Liberale freundlich, als er am Samstagmorgen auf dem Weg zum Parteitag der FDP um die Ecke biegt und das große Logo über der Versammlungshalle erblickt: "Bunte Farben. Schön. Das mögen die Jungen."

Die FDP feilt weiter an ihrem neuen Auftritt, den sie sich vor gut anderthalb Jahren verpasste: Sogar eine Blume ziert dieses Mal das Parteitagslogo, wenn auch eine abstrakte. Soll bloß keiner an die Sonnenblumen-Grünen denken. Und dann dieses Motto: "Beta Republik Deutschland". Es ist das Gesprächsthema des Tages, auch weil es nicht alle Liberalen auf Anhieb verstehen. Daher beamt die FDP dann und wann eine Definition an die Parteitagswand: "Die Beta-Version ist ein Stadium bei der Entwicklung neuer Software, das noch Tests durchläuft. Wir glauben, dass es Deutschland auch gut tun würde, etwas Neues zu testen. Mehr auszuprobieren."

Parteichef Christian Lindner sagt es auch in seiner Rede, "Beta ist eine Lebenseinstellung", und er klingt sehr stolz dabei. Die FDP versteht sich als Antipode zum Stillstand und Streit der großen Koalition: In der außerparlamentarischen Opposition politisch neu erweckt, wollen die Liberalen nun alles anders machen – die Schulen digitalisieren, das Renteneintrittsalter flexibilisieren, ein Internetministerium einführen. 

Trial and Erfolg

Lindner, der zu offiziellen Terminen als Politiker seit Neuestem auch in Röhrenjeans und blütenweißen Sneakers erscheint, findet es toll, dass seine neue, alte FDP in der Testphase erste Erfolge zeigt. "Trial and Error. Trial and Error. Trial and Erfolg", diesen Aufkleber in Himmelblau dürfen sich die Liberalen mit nach Hause nehmen.

Fast drei Jahre ist die liberale Katastrophe her, der Bundestagsrauswurf 2013. Trozdem ist die FDP noch da, was nicht alle Beobachter geglaubt haben. Ziemlich wahrscheinlich kommt sie sogar zurück: Bei vier von fünf vergangenen Landtagswahlen hat die Partei die Fünfprozenthürde locker überwunden, auch die Umfragen für die Bundestagswahl 2017 deuten derzeit auf ein sicheres Parlamentscomeback hin. Daueroptimist Wolfgang Kubicki hat schon verkündet, die Freien Demokraten würden bis dahin problemlos die AfD überflügeln.

Wie soll das gehen? Parteichef Lindner würde die FDP offensichtlich gern zur Partei der Apple-Generation ausbauen, der jungen Entrepreneure also, der Softwareentwickler, die WLAN-Cafés von Berlin und Wuppertal bevölkern, der Pulled-Beef-Burger-Liebhaber und vernetzten Kosmopoliten. Es geht ihm um diejenigen in der Generation der 20 bis 40-Jährigen, denen die Grünen zu viel Zeigefinger zeigen und SPD und CDU zu uncool sind.

Grauschöpfe am Rednerpult

Nie wieder werde seine Partei sich kleinmachen, predigt Lindner diesen potenziellen Wählern ins Gewissen: "Die Zeit der Leihstimmen ist ein für alle Mal vorbei." Die CDU könne sich nicht mehr auf ihr früheres Anhängsel verlassen, die Liberalen seien nun offen für alle Parteien. Entsprechend wird in Berlin der Koalitionsvertrag für eine Ampelregierung unter SPD-Führung in Rheinland-Pfalz gefeiert. Wem etwas an der FDP nicht passe, der solle doch eine andere Partei wählen, gibt Lindner außerdem als Losung aus. Ebenso wie die Grünen hat er Haltung und Authentizität als Wahlkampfthema für 2017 entdeckt.

Doch er wird auch ein Angebot für seine Stammklientel machen müssen: Die Auswertungen zeigten nach den Landtagswahlen im März eben auch, dass die FDP zum Beispiel in Baden-Württemberg bei älteren Wählern überdurchschnittlich stark war. Nach wie vor dominieren Grauschöpfe die Parteitagsreden und nicht alle hier sind mit Softwareentwicklersprache zu motivieren, sondern eher mit einem klaren marktliberalen Profil. Auch die ganz alte FDP-Garde ist noch vertreten: Im dick gefüllten Antragsbuch fordert der Bundesfachausschuss Landwirtschaft ein einfacheres Abschießen von Wildgänsen und der Landesverband Bayern findet: "Bargeld ist Freiheit".

"Alternative für Demokraten"

Vor ein paar Wochen noch, in der Landtagswahlkampfzeit, hat die FDP auch durch ihre Position in der Flüchtlingsfrage aufhorchen lassen: Lindner bescheinigte Kanzlerin Angela Merkel eine naive Politik der offenen Arme, die zu Chaos im Land geführt habe. Hans-Ulrich Rülke, Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, bezeichnete Merkel gar als "Geisterfahrerin", die nicht begreife, dass sie und nicht die anderen Autos in die falsche Richtung unterwegs seien. Man wollte die "Alternative für Demokraten" sein.

Wieder war es Lindner gewesen, der die strategische Leerstelle im Parteienspektrum erkannt und gefüllt hatte: Er sprach die Merkel-Kritiker an, die keine rechtspopulistische Partei wählen wollen.

So unterschiedlich die verbliebenen FDP-Anhänger sind: Sie eint ein Nenner, und das ist ihre Liebe zu Lindner. Es war der 37-Jährige, der die FDP durch ihre schwerste Krise brachte. Sein Parteivize Wolfgang Kubicki sieht das Politiktalent Lindner in 20 Jahren schon als Kanzlerkandidaten, wie er sagt. 

Die Personaldecke ist dünn

Der Parteichef mag solche Lobpreisungen nicht. Er sagt, bei der FDP gebe es "keine Stars, sondern nur Teamplayer". Doch das ist ein bisschen geflunkert. Außer ihm und Kubicki hat bisher kein FDP-Politiker überregionale Bekanntheit erlangt. Die ausgedünnte Personaldecke der FDP wird sich auch auf den Wahllisten bemerkbar machen: Wenige Monate vor der Bundestagswahl wird 2017 in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt: Der Fraktionsvorsitzende Lindner tritt auf Platz 1 an, obwohl er wenige Monate später auch für den Bundestag kandidieren will.

Ähnlich wird es Kubicki in Schleswig-Holstein machen, obwohl er vor einigen Jahren noch kalauerte, in der Bundespolitik werde er zum Alkoholiker und würde seine Ehe ruinieren. Auch die Hamburgerin Katja Suding überlegt, sich für den Bundestag zu bewerben. Der langjährige FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms plant ebenfalls sein Comeback wie der junge NRW-Generalsekretär Johannes Vogel. Sonst aber sind der FDP kaum bekannte Namen geblieben.

Vielmehr hat sie dieses Jahr zwei prominente Mitglieder verloren. Zu Beginn des Parteitags gedachte Lindner den vor wenigen Wochen verstorbenen Ex-Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Guido Westerwelle. Nach jedem Parteitag, montags um 9 Uhr habe Genscher ihn angerufen, erzählte Lindner. Zur Stilkritik. "Das ist der erste Parteitag, nach dem es ein solches Telefonat nicht geben wird."  

Und Westerwelle? Der habe eine "ganze Generation" geprägt, dem Liberalismus eine laute Stimme gegeben. Lindners Leute legen viel Wert darauf, dass der neue Parteichef anders ist als der alte, weniger polternd, weniger polarisierend. Doch beim Thema Aufmerksamkeitsgewinnung scheint sich Lindner doch etwas abgeguckt zu haben. Im Trauerfilm von Guido Westerwelle ist ein Bild des lachenden Verstorbenen zu sehen. Hinter Westerwelle leuchtet das Parteitagsmotto 2006. Es lautete: "Deutschland kann mehr." 

Lindner würde wohl sagen: "Deutschland braucht ein Update."