Es ist nur ein kurzer Absatz in einem langen Interview der Welt am Sonntag, das sich eigentlich mit ganz anderen Themen beschäftigt: mit dem Druck, den der Erfolg der AfD auf die CDU ausübt; mit der Frage, ob die Union künftig auch im Bund mit den Grünen regieren könnte; natürlich mit dem Streit um Jan Böhmermann. Irgendwo dazwischen kommt das Gespräch auf die Forderung von Kanzleramtsminister Peter Altmaier, die Länder müssten die Zahl der Abschiebungen verdoppeln. Und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier wird gefragt, ob das die Antwort der Union auf die (Flüchtlings-)Krise sei. Bouffiers Antwort: "Die Forderung von Peter Altmaier ist Unsinn."

Da schlägt ein Ministerpräsident der CDU dem Parteifreund verbal ins Gesicht, genau an dem Tag, als sich die Führung der Union trifft, um zu verhandeln, was konservative Politik ist und wie sie sich der Attacken der AfD von rechts und der Flucht ihrer konservativen Anhänger erwehren kann. Weil Altmaier in seiner Funktion als oberster Flüchtlingskoordinator von den Ländern verlangt, sie sollten dafür sorgen, dass in diesem Jahr mindestens 120.000 abgelehnte Asylbewerber weggehen, ob nun freiwillig oder unter Zwang.

Es wäre leicht zu sagen: Bouffier regiert eben in einer Koalition mit den Grünen. Da muss er Rücksicht nehmen. Ohnehin ist die einst rechtskonservative hessische CDU von Alfred Dregger und Roland Koch unter Bouffier ja erstaunlich weit in die politische Mitte gewandert.

Ihr macht es euch zu einfach

Doch Bouffiers Angriff auf Altmaier als politisches Taktieren wegzuwischen, wäre zu kurz gegriffen. Der Kern der Botschaft, die der Ministerpräsident senden will, lautet: Ihr macht es euch zu einfach! Oder in Bouffiers Worten: "In Berlin sitzt kein Einziger, der schon mal irgendwen abgeschoben hat. Hessen hat im letzten Jahr über 10.000 Leute zurückgeführt, die meisten freiwillig. Ich weiß daher, wie kompliziert das ist."

Wer sich jemals mit dem deutschen Abschiebesystem beschäftigt hat, kann Bouffier nur zustimmen. Denn Deutschland hat zwar eine hochprofessionelle und effiziente Abschiebemaschinerie aufgebaut, die beängstigend gut funktioniert. Doch sie tut es nur, wenn alle Zahnräder dieser Maschine exakt ineinandergreifen.

Häufig scheitern Abschiebungen jedoch an sehr praktischen Fragen: Treffen die Mitarbeiter der Ausländerbehörde die Menschen am vereinbarten Tag ihrer Ausreise überhaupt in ihren Wohnungen an? Was ist mit den Dokumenten? Oft sind die Papiere nicht vollständig oder die Identität ist nicht eindeutig geklärt. Und was ist, wenn der Eilantrag beim Verwaltungsgericht auf Aussetzung der Abschiebung doch noch durchgeht? Schließlich: Wie kommen die abgelehnten Asylbewerber überhaupt außer Landes? Das geht nur mit dem Flugzeug. Doch schon im vergangenen Jahr hatte die Bundespolizei, die letztlich die Abschiebungen organisieren muss, hier die Grenzen ihrer Kapazitäten vor Augen.

In diesem Konflikt zwischen politischer Forderung und praktischer Umsetzung offenbart sich das Kernproblem der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik. Schwierigkeiten bereitet nicht so sehr die große Linie, sondern dass viele Regeln und Strukturen des Staates nicht mehr zur neuen Wirklichkeit passen. Das gilt auch in diesem Fall. Ein Flüchtlingskoordinator wie Peter Altmaier müsste das wissen. Und es wäre seine Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass sich an diesem Ungleichgewicht etwas ändert.

Ablehnen, abholen, abschieben: Flüchtlinge aufzunehmen fällt Europa schwer. Sie abzuschieben aber funktioniert besser denn je – routiniert und sauber. Auch in Deutschland. Lesen Sie hier ein Feature zum Thema.