Der langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist tot. Nach Angaben seines Büros in Bonn starb der ehemalige FDP-Chef im Alter von 89 Jahren an Herzversagen.

Als Außenminister war Genscher von 1974 bis 1992 maßgeblich an den Verhandlungen zur Wiedervereinigung beteiligt. Er gilt neben Helmut Kohl als Architekt der deutschen Einheit. 1990 handelte er den Zwei-plus-Vier-Vertrag aus, in dem die damals noch getrennten deutschen Staaten mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs (USA, Russland, Großbritannien und Frankreich) die außenpolitischen Aspekte der Wiedervereinigung festlegten.

Einer seiner schwierigsten Momente als Politiker fiel in seine Zeit als Innenminister in der sozial-liberalen Koalition: Als ein Palästinenserkommando 1972 in München das israelische Olympia-Team überfiel, bot sich Genscher als Ersatzgeisel an. Die Befreiungsaktion ging komplett daneben. Später bezeichnete er den Vorfall als seinen Tiefpunkt.

Früherer Außenminister - Genscher hoffte auf eine "neue FDP" im Bundestag 2017 Der verstorbene Außenminister und FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher hielt Christian Lindner für den richtigen neuen Parteichef und riet, sich zur SPD zu öffnen. Ein Ausschnitt eines ZEIT-Gesprächs zur Bundestagswahl 2013

Genscher, der von 1965 bis 1998 dem Bundestag angehörte und ab 1974 Vorsitzender der FDP war, galt als einer der einflussreichsten Abgeordneten im Parlament. Der Jurist gab 1985 den Parteivorsitz ab, als er für seinen Führungsstil kritisiert wurde.

Von politischen Gegnern wurde er oft als "Wendehals" geschmäht. Unter drei Bundeskanzlern war er Vize. Während der Spionage-Affäre um den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) war Genscher oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes. Als die Liberalen 1982 von den Sozialdemokraten zur Union wechselten und ein Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt unterstützten, zerbrach die Koalition und beinahe auch die FDP.

In Deutschland gehörte Genscher als Außenminister zu den beliebtesten Spitzenpolitikern und zu den prägenden Persönlichkeiten der Liberalen. 1992 zog sich Genscher, dessen Markenzeichen stets ein gelber Pullover war, von seinen Ämtern zurück.

Der FDP-Politiker hatte immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, zu denen er sich auch in Interviews äußerte. Bis zuletzt nahm er zum aktuellen politischen Geschehen Stellung. In einem Interview mit der ZEIT zeigte er sich vergangenes Jahr besorgt über Gewalt gegen Flüchtlingsheime und verteidigte seine alte Heimat im heutigen Osten Deutschlands. Genscher wurde am 21. März 1927 in Reideburg im Saalkreis geboren. In einem seiner letzten Interviews machte er sich für die Einheit Europas stark.

Als den glücklichsten Tag seiner politischen Arbeit bezeichnete Genscher den 30. September 1989, als er DDR-Flüchtlingen in Prag die Botschaft überbrachte, dass ihre Ausreise bewilligt wurde. In ihrem Jubel bricht der Satz ab: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht ihre Ausreise..."