Bundestagswahlkampf 2017 – für die Grünen beginnt er schon jetzt: Wer werden ihre Spitzenkandidaten sein? Die Grünen sind stolz darauf, Partei der vielen Gesichter zu sein: Sie lassen sich in der Regel von einer Doppelspitze leiten, der mindestens eine Frau angehört und die im besten Fall sorgfältig unter Parteilinken und Realpolitikern austariert ist. 

Es gibt Ausnahmen wie beim Oberrealo Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, der den Landtagswahlkampf allein bestritt. Für die Landtagswahl im September in Berlin haben die Grünen sogar gleich vier Spitzenkandidaten nominiert. Zur Bundestagswahl 2009 präsentierte sich ebenfalls ein grünes Viererteam. Weil das ein bisschen zu viel war, um die Aufmerksamkeit der Wähler zu binden, sind die Grünen in der Bundespolitik zum Paarprinzip zurückgekehrt. 

Über ihre beiden Favoriten für den Wahlkampf 2017 sollen die rund 59.000 Grünen-Mitglieder im Winter 2016 abstimmen (mindestens ein Kreuz für eine Frau!). Der offizielle Bewerbungsschluss für die sogenannte Urwahl ist erst am 17. Oktober, doch schon jetzt macht sie mächtig Schlagzeilen. Die Kandidaten drängeln sich, es wird unter den Männern in jedem Fall Verlierer geben: Gerade erst hat Grünen-Chef Cem Özdemir seine Kandidatur erklärt, am Sonntag bittet Newcomer Robert Habeck seinen eigenen Landesverband Schleswig-Holstein um ein Votum für ihn als Lieblings-Spitzenkandidaten-Kandidat. 

Was nach einer Lappalie klingt, könnte ziemlich ernst für den Schleswig-Holsteiner Umweltminister Habeck werden: Bei einem "schlechten Votum" will er seine Kandidatur zurückziehen. Schlecht ist für Habeck ein Ergebnis, wie es SPD-Chef Sigmar Gabriel bei seiner Wiederwahl zum Parteivorsitzenden bekam. Damit misst er sich an der 74-Prozent-Marke – solche Voten sind bei den streitlustigen Grünen aber nichts Ungewöhnliches. So wurde Parteichef Özdemir vor der Wahl 2013 nur mit 71 Prozent im Amt bestätigt. 

Alles oder nichts: Robert Habeck

Habeck versteht sich als risikoliebender Underdog. Schon im vergangenen Herbst hat der Schleswig-Holsteiner erklärt, dass er in die Bundespolitik gehen und die Grünen bei der Bundestagswahl anführen will. Früher schrieb der Flensburger mit seiner Frau Romane, erst mit Anfang 30 stieg er bei den Grünen ein, ist inzwischen Umweltminister und Vizeministerpräsident in Kiel. Der 46-Jährige pflegt sein Image als nachdenklicher Wuschelkopf vom Land, der gern in Gummistiefeln durchs Watt marschiert und wenig auf Parteikonventionen gibt. So hält er nach eigenen Angaben wenig von Flügelkämpfen– vertritt aber vor allem realpolitische Positionen. Im Wahlkampf 2017 will er "grüne Positionen mehrheitsfähig machen", also die Partei auch für ein Bündnis mit der CDU fit machen. Die Grünen dürften nicht zu rechthaberisch auftreten, sagt Habeck immer wieder.

Habeck ist ein guter und charismatischer Redner, nur manchmal verliert er sich in Relativsätzen. Sein Manko: Bisher hat er noch kein Alleinstellungsmerkmal definieren können. An der Bundespolitik reize ihn, dass er globale Zusammenhänge anpacken könne, sagt er: Habeck will die Energiewende vorantreiben, diskutiert auch mal über "Energieaußenpolitik als Friedenspolitik". Die Grünen sollten in gesellschaftspolitischen Themen zur "Orientierungspartei" werden, findet er – diesen Anspruch hat er sich ein wenig von Wahlsieger Kretschmann abgeguckt.

Nach innerparteilichem Gerangel in der Heimat hat Habeck sich entschieden, alles auf seine Kandidatur für die Bundespolitik zu setzen: Wird er nicht Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, will er auch keinen Anspruch auf einen guten Listenplatz erheben. Der soll dann an seinen Konkurrenten, den Innenpolitiker und NSA-Untersuchungsausschuss-Experten Konstantin von Notz gehen und diesem den Verbleib im Bundestag sichern. Auch auf die Landesliste will Habeck nicht zurück – 2017 wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Dass ihr wichtigster Politiker und Vizeministerpräsident jetzt nach Berlin will, finden dort nicht alle gut. Dass Habecks Karriereambitionen außerdem die Wiederwahl von Notz' in den Bundestag verhindern könnten, auch nicht. Habeck will daher am Sonntag auf einem Landesparteitag um ein symbolisches Votum seiner Grünen werben.

Der Profi: Cem Özdemir

Die Konkurrenz ist hart: Grünen-Chef Cem Özdemir hat sich vergangene Woche ebenfalls als Spitzenkandidat beworben. Özdemir ist seit acht Jahren Parteichef, medienerfahren und -präsent, einer der prägendsten Köpfe des realpolitischen Flügels. Vor der Bundestagswahl 2013 mied er die Spitzenkandidatur und den Konkurrenzkampf mit dem damaligen Fraktionschef Jürgen Trittin. Jetzt aber stimmten die Umstände, sagt er: Özdemir hat seit Monaten sorgfältig an seinem Profil gearbeitet. Lange galt es als "heimliches Manko", dass er Sohn türkischer Gastarbeiter ist: Wohl keiner in der Partei muss so viele rassistische Hassmails ertragen.

Doch jetzt passt Özdemirs Profil perfekt in die Zeit: Als "anatolischer Schwabe" wisse er am besten, wie man "Geflohene zu Inländern" macht, sagt der Parteichef in seinem Bewerbungsvideo zur Urwahl, in dem er durch die Fachwerkidylle seiner baden-württembergischen Heimatstadt Bad Urach läuft.