Die prägenden Bilder des für Deutschland so schicksalhaften Herbstes von 1989 verblassen über die Jahre. Ein Bild, das noch lange bleiben wird, ist sicher der "berühmteste Halbsatz der deutschen Geschichte", ausgesprochen auf dem Balkon der Prager Botschaft von Hans-Dietrich Genscher. Der Satz auf dem Balkon wird auf ewig das kollektive Gedächtnis an den damaligen Außenminister prägen. 

Genscher war über zwei Jahrzehnte Bundesminister, davon 18 Jahre Außenminister. Er hat dieses Land in der Koalition mit der SPD wie der CDU geprägt. Die politischen Meilensteine Genschers waren geprägt von zwei Wenden – nicht nur der von 1989, sondern auch der des Jahres 1982. Es war der Parteivorsitzende der FDP, der mit dem Wechsel aus der sozialliberalen Koalition zur Union von Helmut Kohl das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik veränderte. So wurde der Grundstein für 16 Jahre Kanzlerschaft Kohls gelegt.

In der Sache verbanden Schmidt und Genscher mehr, als sie trennte. Dennoch kam es zum Koalitionsbruch. Im Volksmund wurde der späte Partnerwechsel beim Doppelkopf umgehend "genschern" getauft. Die Sozialdemokraten aber empfanden den Koalitionswechsel als "Verrat in Bonn".

Ein überzeugter Europäer und Entspannungspolitiker

Dabei hatte Genscher klar erkannt, dass er die von ihm wie Helmut Schmidt betriebene Politik in einer Koalition mit der SPD nicht länger würde fortsetzen können. Schmidt wie Genscher waren überzeugte Europäer und Entspannungspolitiker, aber sie fochten auch für die Nachrüstung und die Atomenergie. Gegen beide hatte sich eine stärker werdende Friedensbewegung und die Antiatombewegung gebildet. Es war nur eine Frage der Zeit, wann diese zusammen mit einer sich neu bildenden grünen Partei, die SPD zwingen würde, diese Politik zu ändern. 

Was als "Umfall" kritisiert wurde, war im Kern das Festhalten an einem brüchig werdenden All-Parteien-Konsens für die er die FDP in eine machtpolitische Konstellation führte. Dass dies von wüsten neoliberalen Thesen von Lambsdorff begleitet wurde, gehörte dazu. Lambsdorffs Thesen legten aber gleichzeitig den Grundstein für jene – vom späten Genscher bitter kritisierte – thematische Verengung, die die FDP 2013 aus dem Bundestag fegte.

Mit der Wende von 1982 wurde zwar die Nachrüstung durchgesetzt. Das Entstehen einer neue Partei – die Grünen – wurde aber eher beschleunigt. Dass Genscher 1982 auch die Angst trieb, bei den anstehenden Bundestagswahlen hinter diese Grünen zurückzufallen und mit seiner FDP nur noch viertstärkste Kraft im Bundestag zu werden, war ein offenes Geheimnis. Mit der Transformation des alten westdeutschen Dreiparteiensystems zu einem Vierparteiensystem verlor die FDP ihre Scharnierfunktion zwischen einem rechten und linken Lager und wurde deutlicher Bestandteil des rechten Lagers.

Kontinuität aber bewies Genscher gerade in der Ost- und der Europapolitik. So habe ich ihn direkt kennengelernt als damaliger Bundes- und Europaminister Niedersachsens Anfang der neunziger Jahre. Es ging um den Vertrag von Maastricht, den der Bundesrat ratifizieren musste. Es war der Vertrag der die Integration Deutschlands in die Europäische Union festschrieb. Im neuen Artikel 23 regelten eine schwarz-gelbe Bundesregierung mit einer roten und grünen Mehrheit in den Ländern, wie deren Rechte bei der Übertragung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union gesichert wurden.