In diese Phase des Septembers 1982 fallen die 15 Tage der kurzen SPD-Alleinregierung, zwischen dem eiligen Rücktritt der FDP-Minister – die FDP wollte unbedingt einem Rauswurf durch Schmidt zuvorkommen – und der Abstimmung über das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt im Bundestag, in dem Helmut Kohl die rechtsliberale Kanzlermehrheit bekam. Damit begann der Aufstieg Hans-Dietrich Genschers zum beinahe alleinigen deutschen Repräsentanten einer Politik der politischen Vernunft und der vorsorglichen Konfliktvermeidung.

Der "schwarze Riese" aus Mainz mochte die eigenen Leute und die sozialdemokratische Generation der sogenannten Enkel überschatten. Genscher aber, nach 13 Jahren in führender politischer Verantwortung, war nun der zentrale Akteur. Kein Schatten war groß genug, ihn nun noch verschwinden zu lassen. An ihm kam auch Kohl nicht vorbei. Dass zwischen Genscher und vor allem seinen engsten Mitarbeitern im Auswärtigen Amt auf der einen und den "Neuen" im Kanzleramt bald ein neues Misstrauens- und Konkurrenzverhältnis entstand, gehörte zu den Begleiterscheinungen von Genschers Höhenflug.

Genscher, der Europapolitiker

Es war die Zeit, in der es im zivilgesellschaftlichen Untergrund und auch in den Apparaten Osteuropas zu rumoren begann. Helsinki, die Friedensbewegung im Westen, zum Teil vielleicht auch die Debatte um die Nachrüstung und der damit verbundene ökonomische Druck auf die Sowjetunion: In die Ost-West-Politik kam Bewegung. Und wenn einer die Bedeutung dieser Entwicklung verstanden hatte, dann Genscher, der Bonner Deutschland- und Europapolitiker, der darauf achtete, dass die Scharfmacher in Washington und die Ideologen in Bonn keinen Schaden anrichteten.

Dass Kohls fataler Vergleich der Reformrhetorik Michail Gorbatschows mit der Nazipropaganda von Joseph Goebbels nicht bleibenden Schaden anrichtete, war vor allem Genscher zu danken. Des Außenministers realpolitisch argumentierender Widerspruch gegen neue strategische Nachrüstungspläne der USA in Europa wirkte ebenfalls positiv stabilisierend in einer Phase, da politisch einiges in Bewegung geraten und die Stimmung nervös war.

Dass nach dem Fall der Mauer genug wechselseitiges Vertrauen für weitere politische Entwicklungen existierte, verdankt Europa nicht zuletzt Genscher. Der hatte gelernt und verstanden, worauf es in dem komplizierten Verhältnis zwischen Ost und West ankam, und was für die Sicherung der Zukunft notwendig war. Analyse und Verstehen der Motive des Gegenübers galten zu der Zeit in Europa noch als Voraussetzung für rationale Politik und Zukunftssicherung. "Verstehen" war noch kein Schimpfwort (wie in "Russlandversteher").

Hans-Dietrich Genscher handelte danach. Verständlich daher, dass er in den zurückliegenden Wochen und Monaten die Entwicklung in und um Europa mit Sorge verfolgte und manchmal auch mit Zorn. Und so stimmt wohl auch, was in vielen Nachrufen nun gesagt und geschrieben wird: Wir bräuchten mehr politische Gestalter, wie er einer war.