Arbeitsmarkt, Nachbarschaft, soziale Beziehungen und Bildung: Das Integrationsklima in Deutschland ist 2015 von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund weitgehend positiv bewertet worden. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem Jahresgutachten. Grundlage ist die Befragung von 5.396 Personen, die nach dem Funktionieren der Einwanderungsgesellschaft befragt wurden. Die Erhebung fand von März bis August 2015 und damit vor dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise statt.

"Das zeigt, dass der Integrationsprozess auf einer stabilen Grundlage steht", sagte SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld. Aus den Ergebnissen der Umfrage gehe zudem hervor, dass häufige soziale Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sich positiv auf die Einschätzung des Integrationsklimas auswirkten.

Ambivalenter war die Einstellung der Befragten zum Islam. So befürworteten 65 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund islamischen Religionsunterricht als wählbares Fach an Schulen. Mehrheitlich akzeptiert wurde auch ein Moscheebau in der Nachbarschaft. Die eher abstrakte Frage, ob der Islam ein Teil Deutschlands sei, verneinte allerdings eine knappe Mehrheit von 53,1 Prozent. Bei den Befragten mit türkischem Migrationshintergrund war die Zustimmung bei der Frage mit 71,4 Prozent am höchsten. Wesentlich niedriger war sie bei den sogenannten Spätaussiedlern (44,6 Prozent).

Die ablehnende Haltung zum Islam in Teilen der Bevölkerung führen die Sachverständigen nicht ausschließlich auf Ressentiments zurück. Eine weitere Erklärung sei die starke Religiosität des Glaubens. "Der Islam als neue, glaubensstarke und wachsende Religion irritiert das säkulare Europa", heißt es in dem Jahresgutachten.

Der Islam wird relevanter

In ihrem Jahresgutachten analysieren die Sachverständigen auch den Stand der Religionen in Deutschland. In dieser Hinsicht sei eine zunehmende Vielfalt erkennbar, bei der sich der Islam als dritte große Religion neben dem Christentum und Judentum etabliert habe, heißt es in dem Bericht. Verstärkt werde diese Entwicklung durch die starke Zuwanderung von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern.

Insgesamt ist Deutschland laut SVR-Gutachten damit von zwei gegenläufigen Entwicklungen gekennzeichnet. Einerseits von einem Trend zur gesellschaftlichen Säkularisierung und "abnehmenden religiösen Bindungen", andererseits von einer "Zunahme und Ausdifferenzierung von religiösen Angeboten".   

"Deutschland ist demografisch zu einem multireligiösen Land geworden", sagte Langenfeld dazu. Dies sei auch auf eine Politik der Religionsfreundlichkeit zurückzuführen. Auch das deutsche Recht reagiere flexibel und ermögliche Lösungen, um Zumutungen für religiöse Menschen nach Möglichkeit zu vermeiden. Dabei sei aber auch klar, dass im Zweifel die demokratischen Grundwerte Vorrang haben müssten. "Das Grundgesetz ist und bleibt der Rahmen für gemeinsame Werte", sagte Langenfeld.

Vor diesem Hintergrund sieht der SVR "die Muslime am Zug". Nun sei es an den islamischen Gemeinschaften, den Prozess der institutionellen Gleichstellung weiter voranzubringen. Dazu gehöre unter anderem auch, den ausländischen Einfluss auf die Gemeinschaften zu verringern.

Dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration gehören sieben Stiftungen. Als unabhängiges Beratungsgremium nimmt es regelmäßig zu den Themen Integration und Migration Stellung. Ihm gehören insgesamt neun Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen an.