Der bisherige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, ist im zweiten Wahlgang erneut zum Regierungschef gewählt worden. Für den CDU-Politiker stimmten in der zweiten Landtagssitzung der Wahlperiode 47 der 87 Abgeordneten. Im ersten Wahlgang war er mit 41 Jastimmen gescheitert. Drei Stimmen fehlten zur Mehrheit, obwohl Probeabstimmungen der Abgeordneten von SPD und Grünen nach Auskunft der Fraktionsspitzen eine hundertprozentige Zustimmung ergeben hatten. Haseloffs Gegner saßen demnach in der eigenen Fraktion.  

Mit 47 Stimmen erhielt Haseloff im zweiten Wahlgang sogar eine Stimme mehr, als die neue Keniakoalition Stimmen hat. Dass Abgeordnete aus der oppositionellen Linksfraktion ausschlaggebend für die Wahl Haseloffs waren, schloss Fraktionschef Swen Knöchel auf Nachfrage von ZEIT ONLINE aus. Der Sprecher der AfD-Fraktion, Ronny Kumpf, wollte sich dazu nicht äußern und verwies auf die geheime Wahl. Er sagte ZEIT ONLINE, "Es herrscht kein Fraktionszwang, jeder kann abstimmen, wie er will".  

Unmittelbar nach der Wahl legte Haseloff seinen Amtseid ab – als Christdemokrat inklusive der religiösen Formel. In seiner Antrittsrede versprach er, die neue Dreierkoalition werde "verlässlich, gerecht und nachhaltig" handeln und "Politik für die Menschen machen". Die neue Koalition werde ein Erfolg, "weil die Projekte, die wir uns vorgenommen haben, einfach dran sind".  CDU, SPD und Grüne würden zeigen, dass sie sich der Kontinuität in Sachsen-Anhalt verpflichtet fühlen. Er sicherte auch zu, den im Lande nachwachsenden Menschen das Wissen um die Errungenschaften der politischen Wende in der DDR von 1989 nahezubringen. Er erinnerte an jene ausgeschiedenen Landespolitiker, die seit damals dabei waren. Unter anderem war der SPD-Finanzpolitiker Jens Bullerjahn nicht mehr zur Wahl angetreten, der frühere Kirchenfunktionär und bisherige SPD-Kultusminister Stephan Dorgerloh übernimmt in der neuen Regierung auch keine Funktion mehr.  

In Sachsen-Anhalt kann nun erstmals eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen regieren. Sie war alternativlos, da es wegen der starken AfD im Landtag kaum Mehrheiten gibt: Mit der Linkspartei wollte die CDU nicht koalieren und die 24-Prozent-AfD lehnen alle anderen Parteien ab. Zwar hatten in der CDU Einzelne im Laufe der Koalitionsverhandlungen dafür geworben, in einer Minderheitsregierung allein zu regieren und sich von den anderen Parteien tolerieren zu lassen. Sie setzten sich aber nicht durch.

Am Wochenende hatten Landesparteitage von CDU, SPD und Grünen dem ausverhandelten Koalitionsvertrag zugestimmt. Doch bei der CDU votierte fast ein Fünftel nicht mit Ja. Im Verlauf der Koalitionsverhandlungen hatte es Widerstand dagegen gegeben, dass die Grünen das Umwelt- und Agrarressort erhalten, aufgewertet um den Bereich Energie. Vor allem die Landwirte und Waldbesitzer machten gegen die designierte Ministerin Claudia Dalbert mobil und fürchteten neue Auflagen für die Tierhaltung oder die Waldwirtschaft. Vor knapp zwei Wochen hatten Landwirte, Jäger und Waldbesitzer vor dem Landtag demonstriert. Auch dagegen, dass die CDU zugunsten der Grünen auf ihren durchaus beliebten und erfolgreichen Agrarminister Onko Aeikens verzichtet hatte.

Neue Minister vereidigen

Zudem gab es Probleme um Projekte der Verkehrsinfrastruktur: Die Grünen akzeptierten zwar den geplanten Ausbau zweier Autobahnabschnitte. Die CDU verabschiedete sich wiederum vom Ausbau der Elbe. In der Diskussion um den Braunkohleausstieg und die Infrastruktur hatte Dalbert jedoch auf dem Grünen-Parteitag am Samstag den CDU-Landeschef Webel indirekt der Lüge bezichtigt, indem sie sagte, sie wisse nicht, warum Webel seine Partei belüge, um den Koalitionsvertrag durchzubringen. CDU-Landesgeschäftsführer Mario Zeising verteidigte seine Partei daraufhin mit deutlichen Worten: "Ein solcher Vorwurf ist eine schwere Belastung für den Start der gemeinsamen Regierungsarbeit", schrieb er in einer Mitteilung.

Wäre Haseloff auch im zweiten Wahlanlauf nicht durchgekommen, hätte der Landtag laut Landesverfassung (Artikel 65) über die Auflösung des Parlaments und eine Neuwahl entscheiden müssen. Nur wenn sich für die Auflösung keine Mehrheit finden würde, könnte ein dritter Wahlgang zum Ministerpräsidenten stattfinden. Dabei reicht dann die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen (im Falle des alleinigen Kandidaten Haseloff also mehr Ja- als Neinstimmen).

Dass Ministerpräsidenten nicht im zweiten Wahlgang die notwendige Mehrheit erreichen, kam schon häufiger vor. 2014 fehlten dem Linkspartei-Kandidaten Bodo Ramelow in Thüringen Stimmen, um ins Amt zu gelangen. Im Zuge der rot-rot-grünen Regierungsbildung hatte es besonders in der SPD starke Kritik an einer Koalition mit der Linken gegeben. Im Hintergrund bereit hielt sich damals der CDU-Fraktionschef Mike Mohring, der gegen Ramelow hätte antreten können. Ramelows Amtsvorgängerin Christine Lieberknecht hatte es 2009 auch erst im zweiten Anlauf ins Amt geschafft. Zäh verlief die Wahl des Ministerpräsidenten 2005 in Schleswig-Holstein: In vier Wahlgängen erreichte die Sozialdemokratin Heide Simonis nicht die notwendige Mehrheit. Wenige Wochen später wurde ihr Konkurrent Peter Harry Carstensen Regierungschef, Simonis hatte auf einen Wiederantritt verzichtet.