Die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, Tiefschläge in den Umfragen (zuletzt 21 Prozent im ARD-DeutschlandTrend) sowie ein permanent in der Kritik stehender Parteivorsitzender bieten Anlass genug zur allgemeinen Diskussion über die Krise der SPD.

Mancher Beobachter sagt der Sozialdemokratie gar einen Dauersinkflug voraus. Vereinzelte Erfolge bei Landtagswahlen mit populären Amtsinhabern wie zuletzt Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz oder 2015 Olaf Scholz in Hamburg, werden überschattet durch solche Zahlen: Halbierung der Zahl der Parteimitglieder seit 1990, Ergebnisse knapp oberhalb der 10-Prozent-Marke in Baden-Württemberg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, programmatische Unentschiedenheit insbesondere in der Wirtschaftspolitik. Reichlich angeschlagen, ja wie eine "defekte Volkspartei" scheint die älteste der parlamentarisch vertretenen Parteien Deutschlands mittlerweile daherzukommen.

Das ruft eine bunte Schar von Krisenanalysten auf den Plan. Drei Thesen sind besonders populär.

These 1: Ein schicksalhafter Schrumpfungsprozess

Einige attestieren der SPD einen langfristigen Schrumpfungsprozess. Dieser habe auch andere gesellschaftliche Großorganisationen befallen. Die Schwierigkeiten, jüngere Menschen überhaupt erst für sich zu gewinnen und dann auch zu binden, seien somit kein genuines Problem der SPD. Es zeige sich auch bei Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, bei den Kirchen schon viel länger. In einer fragmentierten, individualisierten Gesellschaft könnten Großorganisationen, mit ihrem auf verschiedene Gruppen ausgerichteten Angebot, Teilinteressen nicht so zielgerichtet bedienen wie "spezialisierte" kleinere Organisationen, zum Beispiel Nischenparteien. Folgt man diesem Befund, stellt sich die Situation für die SPD einigermaßen hoffnungslos dar, geradezu wie ein unabänderlicher schicksalhafter Prozess.

These 2: Auf die taktische Kommunikation kommt es an

Ein zweiter Erklärungsansatz sieht dies gänzlich anders und verortet die Ursachen der Krise vor allem im "politisch-taktischen Kommunikationsmanagement": In einer gnadenlos jede Schwachstelle ans Licht rückenden Mediendemokratie leide die SPD unter dem Phänomen, dass ihre treuesten Weggefährten die beiden Genossen Selbstverletzung und Selbstentblößung seien. Zudem gelinge es derzeit nicht, politische Erfolge in der Öffentlichkeit ausreichend für sich zu reklamieren, was auch mit der ungeliebten Rolle des Juniorpartners zu tun habe. Hinzu komme die "asymmetrische Demobilisierung" der CDU: wo immer aus Sicht der Christdemokraten Konkurrenz durch populäre Reformvorschläge der SPD drohe (siehe Mindestlohn), mache diese sich die sozialdemokratischen Idee zu eigen, was der SPD ihre Profilierung systematisch erschwere. Besseres "politisches Eigenmarketing", der Partei und ihres Spitzenpersonals, wird als Ausweg aus der Malaise gepriesen. Aus dieser Perspektive wirken taktische und kommunikativ besser abgestimmte Manöver, zumindest kurzfristig und "zumindest etwas". Doch ob es den Niedergang der SPD nachhaltig stoppen kann, darüber sind sich die Diagnostiker nicht einig.

These 3: Erosion des Markenkerns

Eine dritte Gruppe von Krisenanalysten hebt auf den Verlust des politischen Markenkerns der SPD ab. Dieser sei auch Folge einer "Linksbewegung", einer "Sozialdemokratisierung" der CDU. Vor allem aber rückt die SPD-Programmatik ins Blickfeld. So habe die SPD durch verschiedene, eher an wirtschaftsliberalen Paradigmen ausgerichtete Arbeitsmarkt- und Sozialpolitikreformen den eigenen Niedergang maßgeblich selbst forciert. Dass die SPD Prinzipien über Bord geworfen habe, man folglich nicht mehr wisse, wofür sie inhaltlich wirklich stehe, ist immer wieder Befund unserer Umfragen für die ARD. So stimmten am Tag der Bundestagswahl 2013 62 Prozent aller Wähler und immerhin 54 Prozent der SPD-Wähler der Aussage zu, dass die SPD durch die Einführung von Hartz IV und der Rente mit 67 ihre Prinzipien aufgegeben habe

Kein "deutscher Sonderweg"

Der Blick über Deutschland hinaus zeigt aber auch: Vielen europäischen Schwesterorganisationen ergeht es nicht wesentlich besser als der SPD. Sinkende Stimmenanteile bei nationalen Wahlen sind auch dort eher die Regel – nicht zuletzt aufgrund einer Parteistrategen chronische Kopfschmerzen bereitenden "Sandwich-Position". In der Mehrzahl der Länder ringt die Sozialdemokratie zugleich mit Linksparteien, Grünen, Liberalen sowie christdemokratischen Mitte- oder konservativen Mitte-Rechtsparteien um die Wählergunst. Um ihre Potenziale maximal auszuschöpfen, versuchen Sozialdemokraten Stamm- und Wechselwähler links von der Mitte mit sozialer Gerechtigkeit anzusprechen, andererseits bei vielen Themen und nicht zuletzt in der Domäne der Wirtschaftspolitik Wähler im Zentrum zu erreichen. Das ist ein schwieriger Balanceakt: Im ungünstigen Fall wird das inhaltliche Angebot widersprüchlich und der sozialdemokratische Markenkern zerfasert. Selbst in der über viele Jahrzehnte durch eine "sozialdemokratische Hegemonie" charakterisierten schwedischen Demokratie vereinte die schwedische SAP bei den letzten beiden Reichstagswahlen jeweils nur noch etwas mehr als 30 Prozent der Stimmen auf sich. In 14 aufeinanderfolgenden nationalen Wahlen lag die dortige SAP zwischen 1948 und 1988 fast schon routinemäßig über der 40-Prozent-Marke, zuletzt gelang ihr das 1994.

Die SPD besitzt wie andere sozialdemokratischen Parteien derzeit keine erfolgversprechende Strategie um neue Wähler zu gewinnen, während ehemals verfestigte soziale Milieus in Auflösung begriffen sind. In Deutschland insgesamt, markant vor allem im Osten, ist die SPD längst nicht mehr die Partei, die die Mehrheit der Arbeiter hinter sich weiß.

Die Jungen mobilisieren

Wie unsere Analysen zeigen, können sich mehr Menschen grundsätzlich vorstellen, SPD zu wählen, als es am Ende wirklich tun (sogenannte SPD-Affine). Das kann den Schluss nahelegen, dass die SPD letztlich nur die richtigen Wahlkampfkonzepte und mehr attraktives Spitzenpersonal benötigt, um wieder Erfolge zu feiern. Allerdings könnte auch die genau entgegen gerichtete Schlussfolgerung zutreffen. Womöglich ist es gerade die mangelnde Differenzierung, dass es der SPD also nicht gelingt, sich als bessere und überzeugende Alternative zu den anderen zu platzieren.

Dies gilt insbesondere für jüngere Menschen. Erhöhte sich das Durchschnittsalter eines CDU/CSU-Anhängers von 1998 bis 2015 von 50,8 um knapp drei Jahre auf 53,7 Jahre, so stieg das durchschnittliche Alter eines SPD-Anhängers im gleichen Zeitraum sehr viel stärker und zwar von 46,2 um mehr als sieben (!) Jahre auf 53,5 und erreicht damit das Altersniveau der Unionsanhänger. Dies resultiert nicht aus einer Stärke bei den alten, sondern aus einer mangelnden Attraktivität bei jüngeren Wählern. Ohne eine Art Comeback bei Jungwählern wird die SPD in den kommenden Jahren kaum aus ihrer Malaise entkommen.