ZEIT ONLINE: Herr Tauber, Sie haben eine Martin-Luther-Figur in Ihrem Arbeitszimmer stehen. Gilt für Sie in Ihrer politischen Arbeit der Luther-Satz "Ich stehe hier, ich kann nicht anders"?

Peter Tauber: Gott helfe mir, Amen. 

ZEIT ONLINE: Hat die CDU dieses Luther-Bekenntnis im Moment besonders nötig?

Tauber: Wir diskutieren immer wieder darüber, was unverrückbar für die CDU ist. Dabei muss man abwägen zwischen Grundüberzeugungen und Pragmatismus. Letztlich braucht man in einer Volkspartei mit Maß und Mitte natürlich beides.

ZEIT ONLINE: CDU-Chefin Angela Merkel hat gesagt, das Strauß-Diktum, dass es rechts von der Union keine Partei geben dürfe, gelte für sie nur, wenn dafür keine Grundüberzeugungen geopfert werden müssten. Heißt das nicht auch, dass man eine Partei wie die AfD im Zweifelsfall eben hinnehmen muss?

Tauber: Hinnehmen sicher nicht. Wir müssen uns dann eher kritisch fragen, warum unsere Ideale und Ziele die Menschen nicht mehr überzeugen. Aber in der Tat darf die Existenz einer Partei wie der AfD nicht dazu führen, dass wir unsere eigenen Positionen verschieben oder gar Grundprinzipien aufgeben.

Für die CDU gilt, das C setzt uns eine glasklare Grenze nach rechts. Auch wenn die AfD – in bemerkenswerter Übereinstimmung mit der Linkspartei – die Nato als Verteidigungs- und Wertebündnis infrage stellt, können wir denen doch nicht entgegenkommen. Wir müssen vielmehr klar sagen: Wer die Nato, die europäische Einigung, den Euro ablehnt, ist bei der CDU falsch. In den vergangenen 25 Jahren haben wir vielleicht ein bisschen verlernt, über Grundsätzliches zu diskutieren. Es ging immer eher um das Wie als um das Ob. Jetzt ändert sich das gerade wieder.

ZEIT ONLINE: CSU-Chef Seehofer wirft Merkel vor, dass sie mit ihrer Flüchtlingspolitik CDU-Grundprinzipien verraten und den Aufstieg der AfD erst möglich gemacht hat.

Tauber: Es gibt aber auch viele, die gerade wegen dieser Flüchtlingspolitik die christlich-soziale Wurzel der CDU in besonderer Weise wiedererkannt haben. Viele sind deswegen neu in die CDU eingetreten.

Aber auch die konservative Wurzel der Union ist in der Flüchtlingspolitik sehr deutlich geworden. Die Verschärfung des Asylrechts, die zusätzlichen Maßnahmen zur Terrorabwehr, jetzt das Integrationsgesetz: Das alles ist sehr wohl konservativ. Darauf sollten die Konservativen in der CDU, zu denen ich mich selbst zähle, mit Selbstbewusstsein hinweisen. Konservativ sein ist eine Frage der Haltung und jammern ist nicht konservativ.

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch unbestreitbar, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Flüchtlingskrise und der steigenden Zustimmung zur AfD. Hätte man das durch eine andere Flüchtlingspolitik verhindern können?

Tauber: Die AfD hat zuerst versucht, aus der Euro-Krise Profit zu ziehen, dann hat sie die Flüchtlinge zum Thema gemacht, jetzt den Islam. Der AfD geht es nicht um die Flüchtlinge. Es geht ihr darum, Themen zu besetzen, die den Menschen Angst machen, und diese Ängste dann zu missbrauchen und zu instrumentalisieren. Als Christdemokraten stellen wir dem das Positive entgegen. Wir müssen deutlich machen: Wir haben das in den zurückliegenden 70 Jahren gut hinbekommen – das sollte uns Kraft und Zuversicht geben, auch neue Herausforderungen zu meistern.

ZEIT ONLINE: Seehofer sagt, wenn es bis zum Spitzentreffen von CDU und CSU im Juni keine Annäherung in der Flüchtlingspolitik gibt, wird das eine Krisenklausur. Sehen Sie überhaupt Spielraum für eine solche Annäherung?

Tauber: Bei der Flüchtlingspolitik haben wir in der Grundfrage gar keinen Dissens. Alle in der Union hatten das Ziel, die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren – und das ist gelungen. Es gab unterschiedliche Ansätze, wie man das erreicht. Jetzt muss man erst mal anerkennen, dass fast keine Flüchtlinge mehr kommen und dass wir gleichzeitig daran arbeiten, die Bedingungen für die Flüchtlinge in der Türkei und anderswo zu verbessern. Diese beiden Punkte können sich CDU und CSU gemeinsam auf die Fahne schreiben. Wir sollten also stärker über das Gemeinsame reden: Die beiden Asylpakete, das Integrationsgesetz – all das hätte es nicht gegeben, wenn wir uns als Union nicht gegen die SPD durchgesetzt hätten.

ZEIT ONLINE: Seehofer scheint aber ein Eingeständnis zu erwarten, dass Merkels Flüchtlingspolitik falsch war.

Tauber: Aber das sieht die CDU halt anders. Für uns hatte der Schutz der EU-Außengrenze Priorität und der funktioniert an der türkisch-griechischen Grenze inzwischen. Ich stimme aber mit der CSU überein, dass wir jetzt nicht die Hände in den Schoß legen können, sondern uns überlegen müssen, wie wir das auch an anderen Außengrenzen der EU besser hinbekommen. Daran arbeitet die Bundesregierung.