Wir, die aufrechten, liberalen Demokraten, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, haben es uns viel zu lange viel zu leicht gemacht. Jeder, der am Wert des Liberalismus und der Demokratie zweifelte, sei es Donald Trump, Norbert Hofer, Geert Wilders oder Viktor Orbán, bekam den Entwertungsstempel "Rechtspopulist" verpasst. Als wäre damit irgendein Kampf entschieden. Das Etikett mag richtig sein, nur gewinnen Etiketten keine Debatten.

Tatsächlich sind wir nach 70 Jahren Gewöhnung an die Demokratie an einem Punkt angelangt, an dem uns ihre Segnungen derart selbstverständlich erscheinen, dass wir glauben, die Gründe dafür nicht mehr belegen zu brauchen. Demokratie ist uns sozusagen zur geistigen Muttersprache geworden; wir beherrschen sie, könnten ihre Grundlagen aber kaum noch erklären. Offenbar müssen wir genau diese Grammatik trainieren. Denn selbst große, scheinbar unsterbliche Ideen können zu toten Dogmen gerinnen, wenn sie nicht ständig gegen Kritik verteidigt werden. Deswegen hier ein paar bescheidene Vorschläge, oder: Basics für das Küchengespräch mit dem Autoritarismus:

1. Ja, liberale Gesellschaften leiden unter einer eingebauten Schwäche. Sie stiften mehr Unordnung als Sinn. Diese Unordnung ist aber produktiv. Unter anderem erlaubt sie jedem seine individuelle Sinnsuche, deren Ergebnisse er in den politischen Diskurs einfließen lassen kann.

2. Eine Kernaufgabe der Aufklärung war es, zwischen Glauben und Wissen zu trennen. Mit dieser Anstrengung ist es wie mit einem Muskel. Betätigt man ihn nicht, lässt seine Kraft nach. Deswegen müssen die Thesen jedes Diskutanten, auch des anscheinenden Idioten, mit Argumenten gestellt werden. Zu moralisieren ist immer die letzte Gesprächsstufe, nie die erste.

3. Es gibt keine festen Wahrheiten. Menschliches Wissen ist immer nur vorläufig. Gesellschaften können sich aber nur selbst korrigieren, wenn sie lernfähig sind. Dazu bietet die Demokratie immer noch die besten Voraussetzungen, denn sie bietet der Vernunft eine maximale Auswahl.

4. Die Gesellschaftsordnung ist nicht so wichtig, solange du einen Job hast, ein iPhone, zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen kannst und das Online-Streaming funktioniert? Klar, es gibt Einwohner von China oder Singapur, die das so sehen. Bloß, warum bringen dann autoritäre Staaten so wenige Innovationen hervor? Warum erfinden sie keine iPhones oder überragende Fernsehserien? Weil es dazu Mut zum Freiheitsgebrauch braucht. Solche produktive Angstfreiheit bieten aber nur Gesellschaften, die den Dissidenten nicht strafen.

5. Wir alle neigen zu einer kognitiven Verzerrung. Wir suchen instinktiv Tatsachenbehauptungen, die sich möglichst widerstandslos in unsere Weltanschauung einbetten lassen. Die Gefahr dieser Verzerrung, dieser geistigen Bequemlichkeit, ist größer geworden, seit es uns das Internet so leicht macht, beliebige Tatsachenbehauptungen aufzutreiben. Wer sein Argument wirklich prüfen will, sollte deshalb kontraintuitiv vorgehen und das stärkste Gegenargument suchen. Und zwar gerade in den Ausführungen des Gegners. Auch wenn's weh tut.

Aus dem Gesagten folgt, dass das Gesagte unvollständig ist. Wie gut, dass es die demokratische Kommentarfunktion gibt.