Vor knapp einem halben Jahr hat Gregor Gysi den Fraktionsvorsitz der Linken abgegeben. Jetzt – einen Tag vor Beginn des Parteitags in Magdeburg – blickt der 68-Jährige mit Sorge und Entsetzen auf seine Partei, sie sei "saft- und kraftlos". Noch schlimmer: In Ostdeutschland müsse sie zunehmend die Konkurrenz der AfD fürchten.

"Wir sind im Osten nicht mehr die Protestpartei, eher im Westen", sagte der Bundestagsabgeordnete dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Es schockiert mich, dass auch Arme, Abgehängte und Arbeitnehmer die AfD wählen." Auf Bundesebene vermittele die Linke den Eindruck, nicht in die Regierung zu wollen. Folglich sprächen die Wähler der Partei die Gestaltungskraft ab, sagte Gysi.

Gysi kritisierte auch den Umgang seiner Partei mit der Flüchtlingskrise. "Die Willkommenskultur war richtig." Aber "wir hätten kluge Vorschläge für die Integration machen müssen". Auch hätte die Partei "parallel dazu darum kämpfen müssen, dass den unteren Bevölkerungsgruppen Jobs angeboten werden", sagte Gysi.

Am Wochenende hält die Linke in Magdeburg einen zweitägigen Parteitag ab. Dabei wird es auch um die kommenden Landtagswahlen in Berlin und Brandenburg gehen. Umfragen sehen die AfD dort fast gleichauf mit der Linken. Bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte die AfD die Linke bereits vom Platz als zweitstärkste Partei verdrängt.

Gysi war viele Jahre die prägende Figur der Linken, im Oktober vergangenen Jahres gab er den Fraktionsvorsitz ab an Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht. Vor einer Woche sprach er sich dafür aus, dass SPD, Grüne und Linke einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl im kommenden Jahr benennen.

Leitantrag zur Flüchtlingspolitik

Die Linkspartei will am Wochenende ein Aufbruchssignal setzen: Den knapp 600 Delegierten liegt in Magdeburg ein Leitantrag des Bundesvorstands zur Flüchtlingspolitik vor. Darin erteilt die Parteispitze zentralen Maßnahmen der Bundesregierung zur Begrenzung des Zuzugs von Hilfesuchenden eine Absage. So werden etwa Residenzpflichten, Abschiebungen und Einschränkungen bei den Arbeitsmöglichkeiten abgelehnt. Für alle über die Türkei eingereisten Flüchtlinge fordern die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger ein Bleiberecht. Ausdrücklich werden Obergrenzen für Flüchtlinge abgelehnt.

Innerhalb der Partei ist der Kurs jedoch umstritten. Wagenknecht hatte vor Kurzem erklärt, es gebe Grenzen für die Aufnahmebereitschaft. Sie reagierte damit vor allem auf die herbe Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt, wo die Linke auf 16,3 Prozent abrutschte. Bei den zeitgleichen Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schaffte die Linke gar nicht erst den Einzug in die Landtage.