ZEIT ONLINE: Frau Öney, Sie sind SPD-Integrationsministerin in Baden-Württemberg. Jetzt geht ihre Partei in die Opposition. Und Grün-Schwarz will ihr Ministerium schließen und die Aufgaben auf das Innen- und Sozialressort aufteilen. War Ihre Arbeit so überflüssig? 

Bilkay Öney: Im Gegenteil. Die Arbeit war sehr wichtig. Und auch anstrengend: Während der Flüchtlingskrise, als über 100.000 Flüchtlinge nach Baden-Württemberg kamen, haben mich nicht alle um meinen Job beneidet. Es gibt jetzt leider die falsche Annahme, dass sich mit sinkenden Flüchtlingszahlen auch das Thema Integration erledigt hätte. Ich sehe das anders. Es geht jetzt erst los. Wir wissen alle, dass Integration nicht per Knopfdruck und auch nicht per Gesetz innerhalb kurzer Zeit einfach passiert, sondern einen langen Atem braucht. Insofern braucht das Thema weiterhin die nötige politische Beachtung. 

ZEIT ONLINE: Schon 2011 war ein eigenständiges Integrationsministerium ein SPD-Projekt. Winfried Kretschmann musste damals überzeugt werden. Jetzt sieht er offenbar keinen Grund, es beizubehalten.

Öney: In Baden-Württemberg hatte das Integrationsministerium von Anfang an einen schweren Stand, hatte sehr wenig Personal und sehr wenig Ressourcen, bekam dafür aber massiven Widerstand. Ich erinnere mich an meine erste Sitzung hier im Landtag, wo mich der CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Hauk mit den Worten begrüßte: "Frau Öney, gehen Sie zurück nach Berlin, wir brauchen Sie hier nicht." Deutlicher hätte man das Desinteresse an diesem Thema nicht ausdrücken können. 

ZEIT ONLINE: Nun übernimmt die CDU das Ministerium für Inneres, Digitales und Migration. Bereitet Ihnen das Sorgen? 

Öney: Ich merke schon, dass jetzt offenbar ein anderer Wind weht. Es sieht danach aus, als ob es in einigen Bereichen eine Rolle rückwärts geben wird. Zum Beispiel hat die SPD die verbindliche Grundschulempfehlung beim Übergang aufs Gymnasium abgeschafft, denn wir wissen, dass viele Migrantenkinder deutlich schlechtere Schulempfehlungen bekommen, weil man ihnen weniger zutraut. Bestes Beispiel ist übrigens Grünen-Chef Cem Özdemir, der selbst erzählt, dass er eine Hauptschulempfehlung hatte und sich nach oben boxen musste. Deshalb finde ich es sehr schade, dass die Empfehlung nun doch wieder quasi-verbindlich werden soll. 

Es geht beim Thema Integration um Teilhabe. Integration ist eine Frage von Wollen, Können und Dürfen. Natürlich müssen Migranten ihren Beitrag dafür leisten, aber sie müssen auch die Möglichkeiten haben. Wir haben zum Beispiel durch meine Politik eine liberale Einbürgerungspraxis auf den Weg gebracht. Wenn ich daran denke, dass das Staatsangehörigkeitsrecht wieder an einen CDU-Innenminister geht, mache ich mir Sorgen. Eingebürgerte Menschen identifizieren sich sehr viel mehr mit Deutschland, sie sind eher bereit, ihren Integrationsbeitrag zu leisten. Dass sie bessere Jobs haben und bessere Einkommen, kommt hinzu. All das kommt dem Staat zugute. Ich find's schade, dass das Ressort unter dem Kostenaspekt "eingespart" wird. Ich glaube, dass die Kosten von Nicht-Integration sehr viel höher sind. 

ZEIT ONLINE: Der grün-schwarze Koalitionsvertrag setzt vor allem den Fokus auf einen Ausbau der inneren Sicherheit. Welche Hoffnungen setzen Sie auf die Grünen, die in Bezug auf Fragen der Migration bisher als aufgeschlossen galten? 

Öney: Ich merke, dass die Grünen hier in Baden-Württemberg anders sind als in Berlin. Ich merke auch, dass Kretschmann weiß, wie er in der Bevölkerung mit dieser konservativen Politik punkten kann und das auch bewusst für sich nutzt. Es wäre aber schade, wenn die Grünen 2017 ihren Wahlkampf im Bund in diesem Politikfeld an CDU-Positionen ausrichten würden. Die Grünen wurden schließlich nicht für die sogenannte Pizza-Connection gegründet. Deshalb hoffe ich, dass es auch innerhalb der Grünen weiterhin Stimmen geben wird, die diese Politik mit Sachverstand kritisch begleiten. Wie gesagt: Es ist uns unter schwierigen Bedingungen gelungen, all das aufzubauen. 

ZEIT ONLINE: Welches wird die wichtigste Integrationsherausforderung für Baden-Württemberg in den kommenden Jahren? 

Öney: Ich habe vorgeleistet und habe mehr gemacht, als manch einer sich erhoffte. Wir haben zum Beispiel ein Partizipations- und Integrationsgesetz auf den Weg gebracht, das im Januar in Kraft getreten ist. Eine gute Vorlage für das Integrationsgesetz im Bund übrigens. Ich habe auch die schwierigen Themen nicht ausgespart, ich habe zum Beispiel schon vor langer Zeit eine Kopftuchstudie gemacht, eine Studie zu den Integrationsleistungen der Migranten hier, eine Drei-Generationen-Studie. Die Weichen sind gestellt, davon kann die CDU profitieren. Sie sollte jetzt nicht den Fehler machen, diese Dinge rückabzuwickeln – es hat viel Mühe gekostet.