"Reichtum umverteilen", Waffenexporte beenden", "Rechtspopulismus stoppen": Vom Podium der Tagungshalle in Magdeburg hörte man das immer wieder, auf Bayerisch, auf Sächsisch, auf Hochdeutsch. Die Linke hat getagt und die Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger wurden in ihren Ämtern bestätigt. Die zuvor formulierten Ziele aber blieben nebulös und das Delegiertentreffen diente zunächst vor allem einem: der Selbstvergewisserung der Partei.

Mit einem Strategiepapier hatten die beiden Vorsitzenden vor dem Parteitag die "Revolution der Gerechtigkeit" ausgerufen und ihre Thesen dann in Magdeburg in mehreren Rede bekräftigt. Von diesem Parteitag solle ein "starkes Signal des Aufbruchs" ausgehen. Passend dazu war der Tagungsort gewählt: Magdeburg steht für eine große Schmach bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Im März hatte die Linke 7,4 Prozent eingebüßt und ihre Oppositionsführerschaft im Landtag an die Neulinge von der AfD verloren. Jener Partei, in der sich neuerdings die Unzufriedenen sammeln, die bisher die Linken wählten. 

Wer sich aus Magdeburg konkrete Rezepte erhoffte, wie die Linke mit der Konkurrenz der AfD umgehen könnte, musste allerdings sehr genau hinhören. Die Rechtspopulisten wurden zwar in vielen Debattenbeiträgen angesprochen. Meistens aber beließen es die Redner bei erwartbar ablehnenden Parolen über die Rassisten und Islamfeinde. Eine ehrliche Auseinandersetzung über die eigenen Positionen blieb auch wegen einer Torten-Attacke aus.

Das Opfer des Angriffs, Sahra Wagenknecht, steht für den kritischen Kurs im Umgang mit Flüchtlingen. Viele, allen voran den Parteinachwuchs, hat die Fraktionschefin damit gegen sich aufgebracht. Mit der Torten-Attacke wollten die selbsternannten Aktivisten Wagenknecht einen Denkzettel verpassen. Bewirkt haben sie genau das Gegenteil. Kaum einer widersprach Wagenknecht in den Debatten. Den Parteitag konnte sie nach einer ausgiebig bejubelten Abschlussrede gestärkt verlassen.

Dabei hat die Linke allen Grund, über die Ressentiments in den eigenen Reihen zu reden. Anfang 2015 ergab eine Forsa-Umfrage, dass jeder vierte Wähler Sympathien für Pegida hegt. Die hohe Zustimmung für die islamfeindliche und rassistische Bewegung treibt die Parteiführung bis heute um. Die Linke will wieder die Partei der Unzufriedenen sein. Doch der Kampf um diese Wählergruppe bringt die Partei in ein Dilemma: Sie versucht, die AfD auf Distanz zu halten, ohne sich anzubiedern.

Die Linke ist in zwei Bundesländern in der Regierungsverantwortung und muss Entscheidungen treffen, die mit ihren Zielen schwer vereinbar sind. So steht ein Teil der Partei für bedingungslos offene Grenzen, während in Thüringen die Landesregierung unter dem Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow Asylbewerber abschiebt, weil es Bundesgesetze so vorsehen. In Magdeburg wollte die Thüringer Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow die Entscheidung erklären. Die Regierung tue das nur unter Protest, verteidigte sie sich. Dafür gab es Applaus – aber auch Buhrufe. Die hessische Fraktionschefin Janine Wissler wollte sich mit diesem Widerspruch nicht abfinden: "Das ist ein Problem, das wir offen diskutieren müssen."

Partei der sozial Schwachen

Zum Abschluss des Delegiertentreffens streichelte Wagenknecht noch einmal die Seele der Partei: Jahrzehntelange neoliberale Politik lasse die Menschen verrohen, rief sie unter gewaltigem Applaus den Delegierten zu. Und machte deutlich, dass die AfD genau diese neoliberale Politik vertritt.

Hinter dem Angriff steckt eine Strategie. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird im September gewählt. Bis dahin will die Linke wieder von den Rechtspopulisten unterscheidbar sein. Sie will wieder die sozial schwachen Bevölkerungsschichten erreichen.

Fraktionschef Dietmar Bartsch rief etwa am Sonntag exemplarisch unter großem Applaus einen "Fünfjahresplan gegen Kinderarmut" aus und machte so klar, dass die Linke zu bleiben gedenkt, was sie schon immer ist: eine Sozialpartei. Wird die Partei das durch die kommenden Wahlkämpfe tragen? "Das Soziale ist ein Thema, hinter der sich die Linke versammeln kann", sagt der Rostocker Steffen Bockhahn, dessen Landesverband demnächst der Wahlkampf beginnt.