Mord, Erpressung, Raub, Vergewaltigung, sogar Terrorismus: Nicht jeder, der in Deutschland wegen einer schweren Straftat verurteilt wird, landet sofort im Gefängnis. Viele tauchen ab und müssen per Haftbefehl gesucht werden. Doch bis der vollstreckt wird, können Monate vergehen. Im Mittelwert dauert es 280 Tage, die Flüchtigen zu finden, jedenfalls bei politisch motivierten Straftaten.

Das zeigen Daten, die ZEIT ONLINE vorliegen. Sie belegen noch etwas: Die Polizei fahndet nach wesentlich mehr Menschen, gegen die ein Haftbefehl vorliegt, der bislang nicht vollstreckt werden konnte, als bislang bekannt ist. Zum Stichtag Ende April waren es genau 148.727 offene Haftbefehle. So steht es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen (hier finden Sie den kompletten Datensatz).

Vor Kurzem hatte der Hessische Rundfunk Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) veröffentlicht. Danach waren 107.000 Haftbefehle nicht vollstreckt worden. Tatsächlich sind es aber 40.000 mehr. Denn diese Zählung des BKA berücksichtigt einige Arten von Haftbefehlen nicht und ist daher zu niedrig, wie die nun vorliegenden Informationen zeigen. Falsch ist offenbar auch, dass die Gesuchten fast ausschließlich Bagatelldelikte begangen und dafür sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen erhalten hätten. Denn unter den verurteilten Tätern, die trotz Haftbefehl frei herumlaufen, finden sich auch viele Mörder, Terroristen und Vergewaltiger.

Bundesländer im Vergleich

Offene Haftbefehle am Stichtag 22. April 2016

Die meisten offenen Haftbefehle gibt es in Bayern, 25.502 sind es dort derzeit. Es folgen Nordrhein-Westfalen mit 25.452 und Baden-Württemberg mit 17.089. Berlin führt die Liste an, wenn man die Zahlen ins Verhältnis zur Größe der Bevölkerung des jeweiligen Bundeslandes setzt. Dort werden 8.661 Straftäter gesucht, das sind 25 Täter und Verdächtige pro 10.000 Einwohner. Bayern kommt in dieser Zählung auf den zweiten Rang, Hamburg auf den dritten.

Doch wegen welcher Taten wurden die fast 150.000 Haftbefehle nun genau ausgestellt? Danach war die Bundesregierung ebenfalls gefragt worden. Beantwortet hat sie die Frage jedoch nicht. Lediglich für die sogenannte politisch motivierte Kriminalität (PMK) machte sie genauere Angaben – also nur für einen kleinen Teil aller offenen Haftbefehle. Doch schon dieser kleine Ausschnitt zeichnet ein beunruhigendes Bild.

Demnach sind im Zusammenhang mit politisch motivierten Straftaten 1.354 Haftbefehle nicht vollstreckt worden. Die Verdächtigen oder Verurteilten werden wegen rechter, linker oder religiös motivierter Taten gesucht. Unter ihnen sind 34 mutmaßliche Mörder, 7 Totschläger, 82 Terroristen, 31 Räuber, 11 Erpresser, 7 Brandstifter und 5 Vergewaltiger.

Diese Schwerverbrecher zu fassen, dauert oft sehr lange. Im Mittelwert (als Median berechnet) brauchen die Fahnder eben jene 280 Tage, bis sie einen offenen Haftbefehl vollstrecken können. Doch gerade bei schweren Straftaten wie Mord oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sind die Zeiträume noch sehr viel länger. Viele dieser Haftbefehle sind seit Jahren offen.

"Wir können sehr gut priorisieren, welcher Fall brisant ist und welcher nicht. Wir schaffen es, uns um die, von denen eine Gefahr ausgehen kann, intensiv zu kümmern", sagt Kriminaloberrat Lars Plöntzke. Er leitet beim Landeskriminalamt Berlin die Fahndungsabteilung. Alle in Berlin ausgestellten Haftbefehle werden von seinem Dezernat bearbeitet. (Hier finden Sie das komplette Interview mit dem Fahndungsleiter.) Eine Erfolgsstatistik führe man nicht, sagt Plöntzke. Aber die Polizei sei "sehr erfolgreich" dabei, vor allem die Täter schwerer Straftaten zu fangen.

Irene Mihalic ist davon nicht ganz so überzeugt. Die Abgeordnete der Grünen war Polizistin, bevor sie in den Bundestag gewählt wurde. Sie macht sich Sorgen. Da sei zum Beispiel die Tatsache, dass vor allem Haftbefehle zu schweren Straftaten lange offen bleiben. "Das spricht dafür, dass sich diese Personen im Untergrund befinden, wirklich abgetaucht und nicht mehr auf dem Radar der Sicherheitsbehörden sind."

So wie vielleicht auch Serkan Yildirim. Er ist fast 30 Jahre alt und Yildirim ist nicht sein richtiger Name. Anfang Mai hätte er seine Haftstrafe antreten müssen. Yildirim wurde zu vier Jahren verurteilt, weil er gemeinsam mit seiner Ehefrau eine andere Frau misshandelt hatte. Nach dem Urteil war er für zwei Wochen freigekommen, weil er einen Job und eine Familie hat. Das Gericht sah nur eine geringe Fluchtgefahr. Yildirim musste seinen Pass abgeben, 10.000 Euro Kaution zahlen und sich zwei Mal in der Woche bei der Polizei melden. Im Gefängnis tauchte er zum festgesetzten Termin trotzdem nicht auf.

Sein Verteidiger Hansgeorg Birkhoff sagt: "Ich bin seit 32 Jahren Strafverteidiger. Dieses Jahr ist das erste Mal einer meiner Mandanten der Ladung zum Haftantritt nicht gefolgt." Birkhoff hat versucht, Yildirim zu erreichen, doch weder er noch seine Frau gehen ans Telefon. "Es ist dumm, was er da macht. Irgendwann kriegen sie alle. Er sollte sich stellen." Wenn Yildirim seine Haftstrafe freiwillig angetreten hätte, wäre er in den offenen Vollzug gekommen. Wird er nun von den Fahndern erwischt, kommt er direkt in den geschlossenen Vollzug und hat keine Chance auf eine vorzeitige Entlassung. Doch bislang haben die Polizisten ihn nicht gefunden.

Offene Haftbefehle - Warum verurteilte Straftäter nicht ins Gefängnis kommen Über 148.000 Haftbefehle sind in Deutschland nicht vollstreckt. Irene Mihalic, Grüne und ehemalige Polizistin, sieht die Gefahr, dass die Sicherheitsbehörden verurteilte Straftäter komplett vom Radar verloren haben.

Wie viele Haftbefehle überhaupt jedes Jahr ausgestellt werden, lässt sich nur schätzen. Nach Auskunft der Bundesregierung wird die Gesamtzahl der ausgestellten Haftbefehle nicht erhoben. Das aber stimmt so nicht. ZEIT ONLINE hat alle Justizministerien der Bundesländer danach gefragt. Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern antworteten, es gebe keine Pflichtstatistik, aber die Zahlen stünden im Vorgangsbearbeitungssystem der Staatsanwaltschaften.

Hält man die Zahlen aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern den Daten der Bundesregierung entgegen, lässt sich bei aller Vorsicht daraus abschätzen, dass 20 bis 30 Prozent aller neu ausgestellten Haftbefehle für Monate bis Jahre nicht vollstreckt werden.

Mecklenburg-Vorpommern bestätigt, dass diese Rechnung sogar eher konservativ ist. 2015 wurden dort 219 Haftbefehle ausgestellt, um eine von einem Gericht verhängte Freiheitsstrafe zu vollstrecken. Währenddessen sind 135 noch offen, teilt das Justizministerium in Schwerin mit. Und 370 ausgestellten Untersuchungshaftbefehlen aus 2015 stehen 64 nicht vollstreckte gegenüber.

Noch ein Wert lässt sich aus den Zahlen der beiden Bundesländer ableiten. Von den 3.901 Haftbefehlen des vergangenen Jahres in Schleswig-Holstein wurden 3.123 erlassen, um eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe zu vollstrecken. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil dieser Haftbefehle mit bald 80 Prozent ähnlich hoch. Gesucht werden damit Personen, die Strafzettel oder Strafen fürs Schwarzfahren nicht bezahlt haben. Die Beschuldigten sind zu arm, um die Schuld zu begleichen und sollen ersatzweise einige Tage ins Gefängnis gehen. Ein fragwürdiges Konzept, weswegen der Justizminister von Brandenburg fordert, es bundesweit abzuschaffen und die Beschuldigten lieber soziale Arbeit leisten zu lassen.

Die übrigen 20 Prozent aber sind ernste Taten. Das zeigt sich auch in den Zahlen zu den offenen Haftbefehlen der politisch motivierten Kriminalität, die die Bundesregierung geliefert hat. Darin sind ebenfalls viele minderschwere Taten wie Diebstahl, Sachbeschädigung oder Ordnungswidrigkeiten enthalten. Immerhin 16 Prozent aber betreffen schwere Verbrechen.

Viele Jahre lang sank die Zahl der Straftaten in Deutschland stetig. In den vergangenen beiden Jahren ist sie zum ersten Mal wieder angestiegen, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik auflistet. Das gleiche Bild ist in der Zahl der offenen Haftbefehle zu sehen – allerdings um ein Jahr verschoben, weil immer bis zum Ende des ersten Quartals gezählt wird. Im Jahr 2007 waren nach den nun veröffentlichten Zahlen noch 196.412 Haftbefehle unvollstreckt, 2014 erreichte die Zahl mit 139.511 ihren bisher tiefsten Stand. Seitdem aber steigt die Anzahl der ungeahndeten Strafen wieder: Bis zum März 2015 waren es 141.957, in diesem Jahr dann sogar 148.727 offene Haftbefehle.

Umgelegt auf Straftaten und Tätertypen können sich die Zahlen sehr unterschiedlich entwickeln. Das ist ebenfalls in den PMK-Daten zu sehen: Rechte Straftäter werden im Vergleich zu jenen aus dem linken Spektrum proportional häufiger nicht gefasst. 576 rechte Täter sind auf der Flucht, im Vergleich zu 156 Linken. Die Zahl der offenen Haftbefehle für linke Straftäter ist seit Jahren nur leicht gestiegen. Die der rechten Täter, die nicht gefasst werden, aber ist geradezu explodiert. Auch die Zahl der Taten der Rechten hat zugenommen. Allerdings nicht so stark, dass sie das noch viel größere Wachstum der offenen Haftbefehle bei Rechten erklären könnten.

Mihalic sagt: "Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir einen Nationalsozialistischen Untergrund hatten, mache ich mir sehr große Sorgen, wenn 576 Haftbefehle gegen Rechtsextremisten offen sind."

Mitarbeit: Anna Wittmann

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