Die Bild-Zeitung fragte Walther Leisler Kiep einmal: "Wie alt möchten Sie werden?" Seine Antwort: "Ach Gott, schon gern alt – wenn man das Glück hat, dabei einigermaßen gesund zu bleiben und geistig aktiv."

Er blieb gesund, geistig aktiv, reisefreudig auch bis vor wenigen Monaten. Jetzt ist er mit 90 Jahren gestorben – ein Politiker, der sich nie hat verbiegen lassen, der immer klare Werte vertrat und nie so tat, als habe er in allen Lebenslagen recht gehabt.

Ich bin ihm zum ersten Mal 1966 begegnet, als ich den frisch gewählten Abgeordneten in Bonn interviewte und von der Präzision und Eleganz seiner Formulierungen beeindruckt war. Danach sind wir uns viele Male begegnet: im Bundestag und in der ZEIT-Redaktion, bei Veranstaltungen der Atlantik-Brücke (deren erster Vorsitzender er nach 1984 sechzehn Jahre lang war), auf Reisen in Amerika oder auch Russland. Ich traf ihn in all den vielen Funktionen, die er im Laufe der Zeit innegehabt hat: Beauftragter der CDU für Internationale Kontakte (1971), Schatzmeister der CDU (1971-1992), außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion (1973), Finanzminister in Niedersachsen (1976-1980), stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, Bürgermeisterkandidat in Hamburg (1982), zuletzt Gründer von Global Bridges.

Ansätze zu einer "Koalition der Vernunft"

Kiep war ein Brückenbauer aus Leidenschaft. Zwischen CDU und SPD. Zwischen Deutschland und Amerika, wo er als Chef der Atlantik-Brücke mancherlei Geröll aus dem Weg geräumt hat. Auch zwischen Bundesrepublik und DDR, wo er versuchte, Ansätze einer "Koalition der Vernunft" zu schaffen. Zwischen Israel und den Palästinensern, als er auf Bitten von Schimon Peres mit Arafat verhandelte; und nicht zuletzt zwischen Deutschland und der Türkei, als er im Auftrag von Bundeskanzler Schmidt um die Welt reiste und fast eine Milliarde Dollar einsammelte, um Ankara vor dem Bankrott zu retten; ohne die Türkei sei das europäische Haus nicht standfest, war und blieb Kieps Ansicht, der seine Jugendjahre in Istanbul verbracht hatte.

Er war ein gewiefter Ausdruckskünstler, geistesgegenwärtig und schlagfertig. Einmal war ich im Kreml dabei, als der Vorsitzende des Nationalitätenrates uns mit einer endlosen Rede traktierte, in der er überschwänglich die Vorzüge der parlamentarischen Demokratie in der Sowjetunion pries. Kiep kritzelte amüsiert ein paar Worte auf einen Zettel, den er mir zuschob. Darauf stand: "Der Präsident des Obersten Rates der Eunuchen spricht über Gruppensex." Den CSU-Chef Franz Josef Strauß nannte Kiep einmal einen "Meister des verbalen Orgasmus" (Strauß etikettierte ihn im Playboy trotzdem als "Reservisten für alle Fälle" und erwähnte dabei sogar das Bundeskanzleramt). In der Tat war Kiep wohl der beste Hamburger Bürgermeister und der beste Bundesaußenminister, den wir nie hatten.

Höhen und Tiefen

In seinem Politikerleben hat Walther Leisler Kiep manche Höhen erklommen, aber auch manche Tiefen durchschritten. Zwei Beispiele seien hier erwähnt. Beide haben mit Koffern zu tun. Und beide begannen mit einem Telefonanruf.

Der erste Anruf kam 1975 von Bundeskanzler Schmidt. Spanien und Portugal hatten gerade ihre faschistischen Diktaturen abgeschüttelt. Die Bundesregierung wollte die dort aufsprießenden Demokratiebewegungen fördern. Zu diesem Zweck übergab sie BND-Gelder an Bevollmächtigte der Bundestagsparteien – Hans Matthöfer für die SPD, Otto Graf Lambsdorff für die FDP, Franz Josef Strauß für die CSU. Kiep sollte für die CDU antreten.

Helmut Schmidt bat ihn, sich mit Kanzleramtschef Manfred Schüler zu treffen. Der bot ihm Kaffee und Cognac an – und übergab ihm einen Koffer mit 2,5 Millionen Mark in Tausender-Scheinen. Den sollte er dem Vorsitzenden der Partnerpartei der CDU in Portugal übergeben, möglichst gegen Quittung. Kiep flog nach Lissabon, wo eine Gegenrevolution in der Luft lag. Er ging daher erst zur Botschaft, um den Geldkoffer im Safe zu deponieren. Danach fuhr er ins Hotel, zog sich um und kehrte zum Abendessen in die Botschaft zurück. Als er um Mitternacht wieder ins Hotel kam, war sein Zimmer aufgebrochen und sein Koffer durchwühlt; seine Anzüge und Schuhe lagen überall verstreut – und es fehlte sein Smith & Wesson-Revolver. Aber die 2,5 Millionen haben ihren Zweck erfüllt.