Aiman Mazyek hatte sogar ein Gastgeschenk überreicht. Eine Ausgabe des Grundgesetzes, Paperback-Einband, dtv, 46. Auflage 2015, 448 Seiten, den inneren Umschlag versehen mit der handschriftlichen Widmung: "Unser Grundgesetzbuch des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD) als Geschenk für die AfD (Alternative für Deutschland), Berlin, 23.05.2016, am Tag des Grundgesetzes".

Der Vorsitzende des Muslimverbandes wollte wohl verdeutlichen: Wir Islamgläubige respektieren die Grundrechte, dieses Gesetzbuch ist unsere gemeinsame Grundlage. Doch das Präsent blieb liegen auf dem grauen Konferenztisch des holzgetäfelten Raumes Taut im Regent-Hotel in Berlins Mitte, wo sich Mazyek und Petry in Begleitung weiterer vier Vorstandsmitglieder zum Gespräch getroffen hatten. Ob Petry das Buch in der Eile vergaß, als sie den Verhandlungstisch nach einer Stunde wegen unüberbrückbarer Differenzen überstürzt verließ, oder ob die AfD-Bundesvorsitzende sich von dem Muslimverbandschef einfach nur nicht über das Grundgesetz belehren lassen wollte, weiß nur sie selbst.

Den Ort der Aussprache und den Teilnehmerkreis hatten beide Seiten bis kurz zuvor geheim gehalten. Doch Demonstranten oder Krawallmacher kamen keine, die vor dem Nobelhotel von der Polizei deponierten Absperrgitter blieben unbenutzt.

Dass man sich bei diesem bedeutungsaufgeladenen Spitzentreffen einander annähern würde, galt als unwahrscheinlich. Zu hoch waren die zuvor errichteten Hürden, zu hart die Vorwürfe: Die AfD hatte jüngst auf einem Parteitag ein Bauverbot für Minarette beschlossen, Bundesvorstandsmitglieder hatten in einem Interview den Islam als Fremdkörper in Deutschland und für grundgesetzwidrig erklärt.

Mazyek vom Zentralrat wiederum hatte Petry wegen des Bauverbots via Interview gefragt: "Warum hassen Sie uns?" und Parallelen gezogen zwischen der AfD-Politik und Hitlerdeutschland. Noch Stunden vor dem Treffen betonte er plakativ, das Grundgesetz sei nicht verhandelbar. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, wurde so im Meinungsstreit zwischen Muslimen und AfD zur Kernfrage.

AfD - Gespräch medienwirksam abgebrochen Das Treffen zwischen der AfD-Spitze und Vertretern des Zentralrats Deutscher Muslime endet im Eklat. Andere Muslime in Berlin sehen den Konflikt entspannt.

Die "totalitäre Frage" gestellt

Eigentlich wollte man sich über das Verständnis vom Islam und der Religionsfreiheit austauschen, über das Schächten, die Burka, das Kopftuch und warum manche Frauen es tragen, über Gleichberechtigung und Integration, über Pegida und die Motive muslimischer Extremisten. Doch bevor man überhaupt zu diesen Sachfragen vordrang, scheiterte das Spitzengespräch an Grundsätzlichem. Nach einer knappen Stunde wechselten die AfD-Vertreter in ein Separee zu einer kurzen Krisen-Stehkonferenz, um wenig später in der Hotellobby den Abbruch des Gesprächs zu verkünden: Man habe sich erneut vorwerfen lassen müssen, eine Partei des Dritten Reiches zu sein, empört sich Petry. Mazyek weigere sich, seinen Nazi-Vergleich zurückzunehmen und sich zu entschuldigen. Die Muslime hätten dagegen die "totalitäre Frage" gestellt, ob die AfD-Spitze bereit sei, ihr demokratisch beschlossenes Programm zu modifizieren. Petry sagt, sie sei "schockiert". Solche Forderungen könnten nicht Gegenstand eines "demokratisch geführten Streitgespräches" sein.  

Dabei hatten sie so viel zu besprechen: Petry führt Studien an, denen zufolge ein großer Teil der Muslime die Scharia stärker als das Grundgesetz ansieht – was ein Problem wäre, wenn es denn stimmen sollte. Die AfD verlangt von Mazyek, dass muslimisch-christliche Eltern ihre Kinder auch im christlichen Glauben erziehen dürfen, dass er sich von der Scharia distanziert, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden. Denn aus Sicht der AfD ist der Islam keine Religion, "sondern eine Kulturlehre", zu der untrennbar die Scharia gehört, wie der dritte AfD-Teilnehmer Albrecht Glaser in der Lobby doziert. Jene Scharia, "hinter der sicher auch der Zentralrat der Muslime steht".    

Auch Petrys Vorstandskollege Armin-Paul Hampel weist "auf das Schärfste" den Versuch zurück, die AfD und ihr Programm "auch nur ansatzweise in die Nähe des Dritten Reiches" zu rücken. Wer das behaupte, entziehe dem Treffen die Gesprächsgrundlage, sagt er an Petrys Seite in der Lobby.

Spätestens hier wird klar: Gesprächsbereitschaft gab es auf beiden Seiten. Zugleich aber hatte die AfD für dieses Treffen rote Linien gezogen, hinter die sie nicht zurückweichen wollte. Eine Entschuldigung für den Nazi-Vergleich, Akzeptanz des Parteiprogramms – genau das hatte die AfD intern zur Bedingung für ein Sachgespräch gemacht. Weil Mazyek dem nicht nachkam und auch sonst Antworten schuldig geblieben sei, "war es klug und richtig, dieses Gespräch zu beenden", sagt Hampel.   

Ging die AfD also nur zum Schein auf die Einladung des Zentralrats ein? Petry hatte ein Gespräch auf Augenhöhe erwartet. Doch die Gegenseite habe deutlich gemacht, dass die AfD froh sein könne, dass sie eingeladen wurde, sagt sie. Der Zentralrat verhalte sich "schon ein bisschen arrogant", wenn er als Vertretung von gerade mal 10.000 Muslimen eine Partei mit 15 Prozent Wählern derart brüskiere.

So ist das Verhältnis beider Seiten nach dem gescheiterten Treffen noch brüchiger als zuvor, der Austausch vorerst beendet. Wenn der Zentralrat seinen NS-Vergleich zurücknehme, "sind wir für jeden Dialog", sagt Hampel. Der Zentralrat müsse die Augenhöhe wiederherstellen, ergänzt Petry. "Bis dahin sehen wir keine Grundlage, das Gespräch fortzusetzen."

Sieben Fragen an die AfD, keine beantwortet

Eine Etage über der Hotellobby haben der Zentralratsvorsitzende Mazyek und seine zwei Vorstandskollegen den Besprechungstisch verlassen, auf dem zwischen halbgeleerten Erfrischungsdrinks das handsignierte Grundgesetzexemplar liegt. Sieben Fragen an die AfD hatte er vorbereitet, sogar schriftlich. Keine davon haben seine Gesprächspartner beantwortet.

Doch Mazyek hat bereits zur gewohnten Schärfe zurückgefunden. Die AfD sei eine große Gefahr für Deutschland, sagt er in die Mikrofone. Ihr Auftreten erinnere an die dunkelste Zeit der Geschichte. Doch er wolle versuchen, weiter mit ihr zu reden. Dann lädt er die AfD zum Tag der Offenen Moschee ein.

Petry, Hampel und Glaser sitzen im Garten des Hotels an einem zentralen Tisch und werten bei Kaffee das Gespräch aus. Mazyek verlässt das Hotel über einen Hinterausgang.