Als die Dämmerung den Innenhof des Magdeburger Landtags erreicht, verschwimmen alle politischen Differenzen. Zur Musik einer Coverband wirbelt der AfD-Fraktionssprecher eine junge Parlamentskollegin übers Betonpflaster. Neben ihm rudert der Fraktionsgeschäftsführer der Linken euphorisiert mit den Armen, weil der Refrain naht: "Verdamp' lang her, verdamp' lang her", brüllen dann alle im interfraktionellen Chor. Die Krawatten sitzen locker, der Fraktionszwang ist gelöst. Bier, Bap, Barsch und Brathähnchen – für den Juniabend des Sommerfestes herrscht im Parlament von Sachsen-Anhalt so etwas wie Frieden.

Doch tagsüber schmerzen die Narben, die der Triumph der AfD bei den Landtagswahlen hinterließ. In Sachsen-Anhalt haben es Linke, Grüne, SPD und CDU seit März mit einem 24-Prozent-Gegner zu tun. Es war das stärkste Wahlergebnis, das die junge Partei bisher erzielte. Im Magdeburger Plenarsaal machen sich die 25 AfD-Abgeordneten rechts außen fast ebenso breit wie die benachbarten Christdemokraten, die verbliebenen fünf Grünen verschwinden fast zwischen der dezimierten SPD und der oppositionellen Linken.  


Die Präsenz der AfD schweißt die anderen Fraktionen eng zusammen. Angespannt beobachten sie die 25 Neulinge, die der Wille Hunderttausender politikverdrossener Protestwähler in ihren Landtag gebracht hat. Parlamentarier, die das Grundrecht auf Religionsfreiheit infrage stellen, die auf Demonstrationen mitmarschieren, bei denen "Wir wollen keine Asylantenheime" und "Ausländer raus" gerufen wird und die im politischen Streit auch Methoden anwenden, die andere Fraktionen verabscheuen.

Zu erleben war das schon am Morgen jenen Tages: Im morgenlichtdurchfluteten Plenarsaal verliest der CDU-Ministerpräsident seine Regierungserklärung – ein einschläfernd vorgetragenes Selbstlob, das von den Abgeordneten der schwarz-rot-grünen Kenia-Koalition pflichtgemäß beklatscht wird – mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Im Anschluss daran wirft AfD-Fraktionschef Poggenburg der CDU Wahllügen vor und verhöhnt die mitregierenden Grünen als "linksradikale Kleinpartei". Wegen seines Dialekts wirkt der 41-Jährige Oppositionsführer betulich und harmlos, doch seine Provokationen sind scharf, sein Gefolge bekräftigt sie mit lautstarkem Applaus. 

"Paragraf null – ziviler Ungehorsam"

Poggenburg hat eine Choreografie für diesen Morgen entwickelt: Nach seiner Rede beantragt er eine Sitzungsunterbrechung. Die Abgeordneten sollen mit den Demonstranten sprechen können, die vor dem Landtagsgebäude gegen Abwassergebühren protestieren. Als Poggenburg überstimmt wird, erheben sich seine Abgeordneten und verlassen geschlossen den Saal. Aufgrund von "Paragraf null – ziviler Ungehorsam", polemisiert Poggenburg laut durch sein Mikrofon. "Missachtung des Parlaments!", tönt es aus dem Tumult zurück.

Vor der weißgelben Barockfassade des Landtags haben sich etwa zwei Busladungen aufgekratzter Grundstückbesitzer versammelt. Auf Pappschildern protestieren sie gegen "Abwasser-Abzocke" und fordern "Gerechtigkeit vom Rechtsstaat", andere machen Fotos mit der AfD-Fraktionsspitze. Man kennt sich und feiert den Triumph. "Wir sind geschlossen aus dem Saal raus – voll der Eklat da oben", frohlockt Poggenburgs Stellvertreter Daniel Roi, umringt von Demonstranten. Der Plan ist aufgegangen: Die AfD inszeniert sich als Kümmerer-Partei und führt die anderen als unfähig vor.

Am Mikrofon der Demonstranten referiert Robert Farle frei und in bedächtigem Hochdeutsch über Gutachten, Zinssätze und Normenkontrollklagen. Farle ist so etwas wie das Hirn der AfD-Fraktion, er hat sich tief in die Abwasser-Materie eingearbeitet. Die Grundbesitzer jubeln ihm zu. Seine Zeit bei der DKP in Bochum hat Farle zum versierten Rhetoriker gemacht. Heute hat der 66-jährige Volljurist am Süßen See im Mansfelder Land mehrere Boote liegen und ist mit seinen Steuerberatungskanzleien so erfolgreich, dass er sich nichts mehr beweisen muss. Schwer vorstellbar, dass Farle im Landtag neben AfDlern sitzt, die in der Flüchtlingskrise Marokkaner und Tunesier pauschal kriminalisieren und von Homosexuellen diskriminierend "Zurückhaltung in der Öffentlichkeit" fordern. Und doch ist es so.

Strategien gegen die Neuen

Alle politischen Stammkräfte im Landtag haben sich Strategien gegen die radikalen Neulinge zurechtgelegt, die für die erste Plenarsitzung im Juni bereits drei eigene Anträge gestellt haben: zum Bargeldverbot, zur Flüchtlingskrise und zu angeblichem Wahlbetrug. Die SPD hat beschlossen, im Parlament niemals mit der AfD zu stimmen, ähnlich konsequent grenzen sich die Grünen ab. Und die Linksfraktion ist bereit, sich sogar entgegen eigener Überzeugungen ihrer Stimmen zu enthalten, um sich von der AfD abzusetzen, denn "wir sind links, und die AfD ist rechts".

Der AfDler Farle ist an dieser Barriere bereits gescheitert: Er versuchte, einen Fachkollegen der Linken für ein abwasserpolitisches Konzept zu gewinnen, das die gemeinsamen Ideen vereint. Nach drei Minuten sei das Gespräch beendet gewesen, sagt Farle. Die Linke bestätigt das, hält aber geheim, wer sich auf den Kontakt zu Farle einließ. 

Dass die Barriere so stark ist, liegt auch an der Radikalität von Mario Lehmann. Auf den Gängen wird gespottet, der redselige Polizeibeamte aus Gernrode gleiche mit seinem gegelten Scheitel eher einem Bordellbetreiber als einem Abgeordneten. Lehmann ist einer, der das AfD-Parteiprogramm nicht nur kennt, sondern lebt. Muslime betrachtet er nicht nur als Gefahr für die Gesellschaft, sondern auch als Bedrohung für die Speisekarte der Landtagskantine, in die er mit seiner jugendlichen Tochter gekommen ist. "Schweineschnitzel", liest Lehmann grinsend und weit hörbar vom Menüplan ab. "Sollte man essen, solange es das noch gibt."

Die AfD ist kein monolithischer Block

Die SPD erwägt wegen Lehmann, in der Hausordnung ein Verbot von Plakaten und Aufklebern an den Türen festzuschreiben. Denn an Lehmanns Raum C2 19 steht "Merkelmussweg" – in Fraktur. Spätestens seit der AfD-Abgeordnete Andreas Gehlmann in einem Zwischenruf im Plenum auch noch Gefängnisse für Homosexuelle forderte, ist klar: Mit der AfD will kein Abgeordneter von SPD, Grünen oder Linken irgendetwas zu tun haben.

Das gilt besonders für Sebastian Striegel, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, zuständig auch für den Burgenlandkreis im Süden, wo Poggenburg herkommt. Der Mittdreißiger mit der tenoralen Stimme ist der Hassgegner der AfD. Striegel tritt mit einem weißen iPad ans Rednerpult. In der Debatte über vermeintliche Wahlfälschungen wirft er der AfD ihre Nähe zur Identitären Bewegung vor, jener völkischen Plattform, die vor der Landtagswahl ein Migranten-Wahllokal in Halle mit Ziegelsteinen und Bauschaum zumauerte.

"Bauschaum ist besser als Steine und Molotowcocktails", brüllt von seinem Sitzplatz der Polizist Lehmann, der die Grünen für linksradikal hält. Striegel kontert solche Herabwürdigungen mit akademischen Exkursen über Critical Whiteness und polemisiert, es sei wie "Perlen vor die Säue" zu werfen, wenn man der AfD eine Vorlesung zur Bedeutung der Wahlen für die Demokratie halte. Einige in der AfD seien "mit ausgewiesener Idiotie geschlagen". Es ist wie Wrestling, nur mit Worten.

Doch wer genauer hinschaut oder in die Reihen hineinhört, stellt fest: Die AfD-Fraktion ist kein monolithischer Block aus islamfeindlichen Radikalinskis. Nicht alle applaudieren frenetisch, wenn Poggenburg, der bundesweit bekannte Nationalist Tillschneider oder Lehmann rassistische Provokationen absondern. Wie schon früher in den AfD-Fraktionen anderer Landtage zeichnen sich in Magdeburg erste Bruchlinien ab. Im Hinterzimmer klagen AfD-Abgeordnete, Poggenburgs ausländerfeindliche Parolen seien ihnen peinlich. Sie schadeten der Partei und isolierten die Landtagsfraktion zunehmend. Viele sind genervt von seinem Arbeitsstil, weil er die Fraktion übergehe und Termine verschwitze. 

"Die Type" redet mit der AfD

Einer, der noch mit der AfD redet, ist Frank Scheurell von der CDU. Der 53-jährige Bauunternehmer ist ein gut vernetzter protestantischer Konservativer aus der Lutherstadt Wittenberg. Im Plenarsaal haut Scheurell lauter als andere auf den Tisch, auf den Gängen wünscht er weithin hörbar Guten Morgen. Abgeordnete reden leicht despektierlich von "der Type", wenn sie den geschichtsversessenen Scheurell meinen. Scheurell, der Kommunikator.

Auf dem Weg zu seinem Büro trifft der Kommunikator auf Farle, das Hirn der AfD. Man läuft sich hier leicht über den Weg, denn die Abgeordnetenbüros der verschiedenen Fraktionen sind breit über das Labyrinth der Landtagsflure verstreut. Scheurell grüßt Farle mit Handschlag. Farle sei in Ordnung, sagt er. Die Berührungsängste der anderen sind ihm fremd. Scheurell mailt den AfD-Kollegen Dokumente aus dem Landtagsinformationssystem, weil die noch keinen Zugang zu der Datenbank haben.

In der Kantine setzt er sich zu den gemäßigten Neulingen an den Tisch. Die Nähe kommt nicht von ungefähr: Immerhin waren mehrere AfDler früher bei den Christdemokraten. Vor der Wahl hatte die CDU jegliche Zusammenarbeit abgelehnt. Jetzt zeigen sich in den Landtagsdebatten plötzlich politische Schnittmengen – etwa beim Widerstand gegen frühe Sexualaufklärung an Schulen.

Doch gerade die inhaltliche Nähe gibt der AfD auch immer wieder Gelegenheit, die CDU vorzuführen. Das zeigt sich auch bei der Debatte um die Asylpolitik. Die Landesregierung solle im Bundesrat der Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer zustimmen, verlangte die AfD in einem Antrag. Doch obwohl die CDU dasselbe Ziel hat, muss sich CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff in der Länderkammer enthalten, weil die Grünen als kleinster Koalitionspartner ihre Zustimmung verweigern. "Die AfD bringt uns in schwieriges Fahrwasser", sagt Scheurell. Das gilt sicher nicht nur für die CDU. Wie man damit zurechtkommt – das zu üben haben alle Fraktionen nun vier Jahre Zeit.