Trotz der Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Idee des europäischen Bündnisses verteidigt. Staaten könnten die Herausforderungen der Gegenwart nicht mehr allein bewältigen, sagte sie im Kanzleramt. Nur gemeinsam sei dies zu schaffen. Sie verteidigte die EU nicht nur als Wirtschaftsbündnis, sondern auch als Garant für Frieden und Sicherheit. 

Den Ausgang des Referendums der Briten bezeichnete sie als Zäsur. "Es gibt nichts drum herum zu reden: Der heutige Tag ist ein Einschnitt für Europa", sagte sie. Was die Folgen seien, werde davon abhängen, ob die anderen Staaten jetzt schnelle Schlüsse ziehen, die Europa weiter spalten würden. Gemeinsam müsse man in Ruhe abwägen und die richtigen Entscheidungen treffen.  

Alle Schlussfolgerungen müssten die Staaten im historischen Bewusstsein ziehen. Merkel erinnerte daran, dass die Gründung der EU "eine Friedensidee" gewesen sei, fußend auf den Römischen Verträgen von vor fast 60 Jahren. Deutschland habe ein besonderes Interesse daran und Verantwortung dafür, dass die Einigung weiter gelinge. 

Sie warb für eine gründliche Analyse der Hintergründe der vorhandenen EU-Skepsis in vielen Mitgliedsstaaten – in denen rechtskonservative Parteien ebenfalls für Volksabstimmungen über die EU-Mitgliedschaft werben. Europa sei vielfältig, sagte Merkel. Die Menschen hätten deshalb unterschiedliche Erwartungen. Viele empfänden grundsätzliche Zweifel am Kurs der EU. Sie sprach sich dafür aus, diese Zweifel durch Aufklärung und intensives Werben für die europäische Idee zu zerstreuen. Die Bürger müssten konkret spüren, wie die EU ihr Leben persönlich verbessert. 

Die nächsten Schritte will Merkel am Montag mit EU-Ratspräsident Donald Tusk, Italiens Regierungschef Matteo Renzi und Frankreichs Präsident François Hollande besprechen. Auf diesem Minigipfeltreffen könnte die Linie für das Treffen des Europäischen Rats am Dienstag und Mittwoch in Brüssel festgelegt werden. Am Dienstag will Merkel zudem eine Regierungserklärung im Bundestag abgeben.

Sie verwies darauf, dass der Austritt eines Mitgliedslandes klar in den EU-Verträgen geregelt ist. Die Details des britischen Ausscheidens würden in den kommenden Jahren detailliert geregelt, bis dahin bleibe das Land Mitglied der EU – mit allen Rechten und Pflichten.

Bei dem EU-Referendum am Donnerstag hat das Lager der Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union mit 51,9 Prozent gesiegt. Merkel hatte sich für einen Verbleib der Briten in der EU ausgesprochen.

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