Es ist für mich immer noch unfassbar: Nach der Armenien-Resolution des Bundestags fordert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen Bluttest für Grünen-Chef Cem Özdemir ("Das soll ein Türke sein?"), den Hauptinitiator der Resolution. Ausnahmslos alle türkeistämmigen Abgeordneten, ob sie nun mit "Ja" gestimmt haben oder der Abstimmung fernblieben, werden als Terror-Sympathisanten und "Vaterlandsverräter" hingestellt. Sie erhielten Morddrohungen, sie wurden beleidigt und beschimpft. Alles aus Richtung der "türkischen Community". Von Mitbürgern. Vielleicht Wählern. Nationalisten übertrafen sich gegenseitig in der Steigerung der verbalen Verrohung, aus der Türkei wie von Türkeistämmigen in Deutschland.

Viele türkische Verbände kritisierten schon im Vorfeld, aber auch nach der Annahme der Resolution, dass der Bundestag sich überhaupt mit der Frage beschäftigte, ob das, was die Osmanen mit Wissen und Unterstützung des Deutschen Kaiserreichs den Armeniern angetan haben, "Völkermord" genannt werden dürfe. Damit sollten sich Historiker beschäftigen, nicht Politiker. Ein legitimer Beitrag zur Debatte. Hatte aber keine Mehrheit, so ist das nun einmal in einer Demokratie. Man streitet, wenn möglich zivilisiert, lässt wenn möglich alle Positionen zu Wort kommen, wägt ab, ringt, streitet wieder, und stimmt ab.

Bei den türkischen Verbänden waren einige dabei mehr oder weniger sachlich, andere sehr aggressiv. So nannte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Gökay Sofuoğlu, die Abstimmung im Bundestag eine "Polit-Show". Andere dagegen, wie der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Bekir Yılmaz, schafften es, dass ein geplantes Fastenbrechen unter Teilnahme von Bundestagspräsident Norbert Lammert und türkeistämmigen Bundestagsabgeordneten in der Berliner Şehitlik-Moschee von der Moschee-Betreiberin DITIB abgesagt wurde. Yılmaz hatte auf seiner Facebook-Seite zu einer Protest-Demonstration vor der Moschee aufgerufen. Er bezeichnet Andersdenkende auch gern mal als "Haustürken" oder Schleimer. Er spricht von einer "nationalen Sache" bei der Völkermord-Frage.

Auch in anderen Teilen Deutschlands kocht die Wut hoch. Die Sendung Report München berichtet von einer Sitzung des Integrationsrats in Duisburg, in der die türkeistämmigen Abgeordneten als "Verräter an unserem gemeinsamen Heimatland" bezeichnet wurden.

Solche Räte haben eigentlich die Aufgabe, die Interessen aller Ausländer und Migranten in einer Stadt zu vertreten. Die Frage sei deshalb auch hier erlaubt, ob das Thema Tagesordnungspunkt eines solchen Rates sein sollte. Und wer von "Verrat" spricht, will nicht Teil einer Debatte sein, die – zugegebenermaßen – auch wehtun kann. Das weiß man hierzulande nur zu gut.

Migrantenorganisationen sollen Brücken bauen

Die Resolution und ihr Inhalt, das ist die eine Frage. Darüber kann und sollte auch weiterhin gestritten werden – zivilisiert und natürlich unter Berücksichtigung auch der türkischen Perspektive. Die andere Frage ist: Was ist die Aufgabe von Migrantenorganisationen? Sie sind prinzipiell wichtig, keine Frage. Sie sind Ausweis einer Einwanderungsgesellschaft, die Haupt- und Ehrenamtlichen, die dort arbeiten, leisten oft wichtige zivilgesellschaftliche Arbeit, auf die der deutsche Staat nicht verzichten kann und will. Deshalb fördert er sie auch, ideell und finanziell (sogar jene, die ein Fastenbrechen mit dem zweiten Mann im Staat verhindert haben). Und sie sollen Zugänge und Brücken schaffen zwischen "alten" und "neuen" Deutschen, vielleicht auch zu den Gesellschaften und Regierungen der alten, der anderen Heimatländer. Das ist eine höchst edle Aufgabe.

Für den deutschen Staat ist das beruhigend: Er hat Institutionen, mit denen er sprechen, vielleicht sogar Verträge schließen kann.

Wen vertreten die Verbände?

Nun hat der Streit um die Armenien-Resolution mehrere Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel, wen vertreten diese vielen Verbände wirklich und wie viele? Wem fühlen sie sich verbunden – der alten oder der neuen Heimat? Was sehen sie als ihre wichtigste Aufgabe? Und wenigstens zwei Antworten wurden deutlich: Es gibt nicht "die türkische Community". Und: Bei der ersten wirklichen Bewährungsprobe in der Geschichte ihres Daseins, nämlich einen kühlen Kopf zu bewahren und diesen auch von allen einzufordern; es sich bei einer schweren Frage nicht zu einfach und den Dialog möglich zu machen, haben sie kläglich versagt.

Aber Versagen ist ja menschlich. Man kann danach sein Verhalten analysieren, sich fragen, ob es richtig war. Und es nächstes Mal besser machen.