Eigentlich müsse man sich hier über nichts Sorgen machen, sagen die meisten Arnsdorfer – gern am Zaun lehnend in ihrem Vorgarten, der umso umsorgter aussieht. Die Gemeinde schmiegt sich in sanfte grüne Hügel und Wälder am Rande der Sächsischen Schweiz, Touristen kommen zum Wandern oder Motorradfahren her. Sonst ist hier nicht so viel los.

Aber das hat sich vor einigen Tagen geändert, als ein Video bekannt wurde, auf dem zu sehen ist, wie vier Männer, darunter ein örtlicher CDU-Gemeinderat, einen psychisch kranken irakischen Flüchtling aus einem Arnsdorfer Supermarkt zerren und dann mit Kabelbindern an einen Baum fesseln. Seitdem ist Arnsdorf bundesweit bekannt, als neuer sächsischer Ort unter dem Verdacht, eine Hochburg von Fremdenfeinden zu sein. Journalisten kommen von überall her, um sich ein Bild zu machen von diesem Städtchen, das bislang abseits der Öffentlichkeit lag.

Sie sind allerdings nicht gerne gesehen, die meisten Bewohner weigern sich mit Journalisten zu reden und wollen sich schon gar nicht zitieren lassen. "Wärt ihr auch gekommen, wenn sie einen Deutschen überwältigt hätten?", fragt ein Passant Journalisten. "Das wird doch alles aufgebauscht, kein Wunder, dass euch keiner mehr glaubt."

Streit um ein Flüchtlingsheim

Unter den 5.000 Einwohnern rumort es schon länger, das ist vielleicht wichtig für den Hintergrund. Nicht immer und nicht überall, aber immer wieder: im Verein, in der Kneipe oder am Esstisch.

Genau genommen seit September vergangenen Jahres. Damals wurden Pläne bekannt, dass die Gemeinde eine Unterkunft für Asylbewerber erhalten soll. Einige Arnsdorfer meldeten sich sofort als freiwillige Helfer, andere waren mit dem Vorhaben gar nicht einverstanden. Der Streit darum hat Gräben aufgerissen in dem kleinen Ort, der durch einen kleinen Bach zerschnitten wird. In den Gemeinderatssitzungen im Feuerwehrhaus, wo es sonst um Bauvorschriften für Wintergärten geht, wurde plötzlich laut und hitzig diskutiert. Vor dem Haus der SPD-Bürgermeisterin Martina Angermann wurde zu Demonstrationen aufgerufen.

Die Facebookseite Arnsdorf 14077 Bürgerforum - überparteilich macht Stimmung gegen die Bürgermeisterin. Die regelmäßigen Postings der Seite sind selbst im Zeitschriftenladen Thema. Die Bürgermeisterin müsse weg, wegen ihrer Asylpolitik und weil sie die Sorgen der Bürger nicht ernst nehme, hießt es immer wieder. Große Politik in einem kleinen Ort.

Einer ihrer lautstärksten Widersacher ist der CDU-Gemeinderat Detlef Oelsner, der vor einem Jahr bei der Bürgermeisterwahl klar verlor. Oelsner ist einer der vier Männer, die den irakischen Asylbewerber aus dem Netto-Supermarkt zerrten, geschlagen haben sollen und dann an einen Baum fesselten. Zwei seiner Helfer sind der Bürgermeisterin mehrfach bei Versammlungen zur geplanten Unterkunft aufgefallen. Das Video, das den Vorfall zeigt und erst in rechten Foren zirklierte, ist vom 21. Mai – wenige Stunden zuvor war auf der Facebookseite mit der Gründung einer Bürgerwehr gedroht worden, sollte das Flüchtlingsheim kommen.

Arnsdorf - Männer greifen Asylbewerber an In Sachsen haben vier Männer einen irakischen Asylbewerber aus einem Supermarkt gezerrt und an einen Baum gefesselt. Das Video, das den Vorfall vom 21. Mai zeigt, wurde zunächst in rechtsextremen Kreisen verbreitet. © Foto: YouTube/Antifa PR

Das Grundstück des Gemeinderats Oelsner grenzt an den Netto-Laden. Er hat dort einen Imbisswagen aufgestellt, seine Frau verkauft Getränke und Gebratenes. Das Bäumchen, an das der Iraker gefesselt wurde, steht nur wenige Meter entfernt. Kabelbinder seien in dem Imbiss zufällig zur Hand gewesen, sagt Oelsner später.

Im Supermarkt habe es "gebrodelt", sagt einer der Zeugen, der den Tätern nahesteht und gern in dem Imbiss verkehrt. Die Menschen hätten sich Sorgen gemacht, der Mann sei bewaffnet und nicht zurechenbar gewesen, da habe man eingreifen müssen. Das sei "Zivilcourage".