Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich im Bundestag zu einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union geäußert. In ihrer Regierungserklärung warnte Merkel die "britischen Freunde, sich etwas vorzumachen". Vor dem offiziellen Antrag werde es weder formell noch informell Verhandlungen oder Vorgespräche über den Austrittsprozess geben.

Zugleich erteilte Merkel Äußerungen von britischen Brexit-Befürwortern eine Absage, wonach Großbritannien einen Sonderstatus bei den Verhältnissen zur EU erhalten wird. Deutschland werde sicherstellen, dass die Austrittsverhandlungen nicht nach dem Prinzip der Rosinenpickerei geführt würden, sagte Merkel. Wer Zugang zum Binnenmarkt haben wolle, müsse damit einhergehende Verpflichtungen einhalten. "Es muss und es wird einen spürbaren Unterschied machen, ob ein Land Mitglied der Familie der Europäischen Union sein möchte oder nicht. Wer aus dieser Familie austreten möchte, der kann nicht erwarten, dass damit alle Pflichten entfallen, die Privilegien aber weiterhin bestehen bleiben."

Merkel hob hervor, dass Großbritannien auch nach einem Austritt ein wichtiger Partner etwa in der Nato bleiben werde. Die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten deutsch-britischen Beziehungen würden in aller Freundschaft weitergeführt. Dies stehe aber in keinem Widerspruch dazu, dass Deutschland und die EU Verhandlungen auf Grundlage ihrer eigenen Interessen führen wollten.

Warnung vor unabsehbaren Folgen

Die anderen 27 EU-Mitgliedstaaten forderte Merkel zur Geschlossenheit auf. "Es gilt jetzt nach vorne zu schauen und alles daran zu setzen, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und anschließend alle notwendigen Entscheidungen zu treffen." Jeder Vorschlag, der die EU der 27 aus dieser Krise führen könne, sei willkommen.

"Jeder Vorschlag, der dagegen die Fliehkräfte stärkt, die Europa schon so sehr strapazieren, hätte unabsehbare Folgen für uns alle. Er würde Europa weiter spalten", sagte Merkel. Sie werde sich dafür einsetzen, das zu verhindern. "Ich sehe gute Möglichkeiten, dass uns das gelingen kann."

Bei dem Referendum hatten 51,9 Prozent der Wähler für den Brexit gestimmt, 48,1 Prozent votierten für den Verbleib in der EU. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,2 Prozent.