Als Bundespräsident hat sich Joachim Gauck selten zu Extremen verstiegen. Trotzdem folgte er nicht immer den Spielregeln der internationalen Diplomatie. Gaucks prägende Momente:

Der Kapitalist

Für die Occupy-Proteste konnte sich Joachim Gauck nie erwärmen.  Schon 2011, vor seiner Zeit als Bundespräsident, nannte er die Antikapitalismusdebatte "unsäglich albern". In seinem ersten Interview mit der ZEIT nach dem Amtsantritt 2012 sagte er: "Was mich bei Occupy gestört hat, war das fehlende Ziel. Einmal wollten Leute die Europäische Zentralbank besetzen – die einzige Bank, die eben keine Geschäftsbank ist, sondern eine stabilisierende Funktion erfüllt. Ja, und? Was sollte denn da abgeschafft werden und vor allem: Was soll stattdessen kommen?" Für Gauck hatte die "alt-neue Methode des Antikapitalismus" auch "Eventcharakter". Der Ostdeutsche ist wegen seiner DDR-Biografie ein glühender Anhänger der Marktwirtschaft. Die Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 wollte Gauck ebenfalls nicht unterstützen. Dies sei eine Protestkultur, "die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht".

"Muslime, die hier leben"

"Der Islam gehört zu Deutschland", diesen berühmten Satz seines Vorgängers Christian Wulff wollte sich der Theologe Gauck sich nicht zueigen machen: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland", verriet er 2012 der ZEIT. Jeder Mensch, der gerne in Deutschland lebe und die Freiheiten achte, sei unabhängig seiner Religion herzlich willkommen. Aber er könne auch diejenigen verstehen, "die fragen: Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation?". Gauck sprach sich daher für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern in Deutschland aus.

Israel und die Staatsräson

Eine seiner ersten Auslandsreisen führte Gauck im Frühsommer 2012 nach Israel. Dort sagte der Bundespräsident, die Sicherheit Israels sei "bestimmend" für die deutsche Politik. Doch einer Aussage Angela Merkels wollte Gauck sich nicht anschließen: Die Kanzlerin hatte 2008 vor der israelischen Knesset die Sicherheit Israels als deutsche "Staatsraison" bezeichnet. In der "Stunde der Bewährung" würden das keine "leeren Worte" bleiben, sagte Merkel damals. Gauck hingegen befand: "Staatsraison" sei ein "sehr gewagtes Wort". Er machte klar, dass ihn die möglichen Konsequenzen der Merkelschen Festlegung sorgten: "Ich will nicht in Kriegsszenarien denken." Dass Deutschland Israel aber immer unterstützen werde, stehe außer Frage. Der Zentralrat der Juden und die deutsch-israelische Gesellschaft fanden daher auch keinen Anstoß an Gaucks Auftritt.

Erdoğan vergibt nicht, Putin verliert einen Gast

Symbolische Auftritte in autoritären Regimen, darauf kann Gauck gut verzichten, wie er mehrfach demonstriert hat. So sagte er seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sotschi ab – um so Kritik an Menschenrechtsverletzungen und der politischen Verfolgung der Opposition zu üben. Die Kanzlerin soll von der Entscheidung überrascht worden sein. Offiziell nahm sie diese nur "zur Kenntnis". Merkel selbst ist übrigens noch nie zu Olympischen Spielen gereist. Im Februar 2014, während Putins Prestigeprojekt stattfand, spitzte sich dann einige Hundert Kilometer weiter westlich der Ukraine-Konflikt zu. Beim Weltkriegsgedenken auf der Westerplatte in Polen anderthalb Jahre später wurde Gauck noch deutlicher: "Wir stellen uns jenen entgegen, die internationales Recht brechen, fremdes Territorium annektieren und Abspaltung in fremden Ländern militärisch unterstützen." Gemeint war, natürlich, Russland, das die Krim besetzt hatte.

Keine Freunde mehr werden Gauck und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Bei einem Türkei-Besuch 2014 beklagte der Bundespräsident vor Studenten, dass die türkische Regierung die Gezi-Proteste durch eine Internetblockade und die Gängelung von Polizisten und Staatsanwälten unterdrücke. "Aus mir spricht die Sorge eines Bürgers, der nach langjährigen Erfahrungen in einem totalitären Staat zu einem Anwalt der Demokratie wurde", sagte Gauck, der sich "erschreckt" zeigte. Die Antwort von Erdoğan ließ nicht lange auf sich warten: "Er hält sich wohl immer noch für einen Pastor."  

Im April 2015 wagte Gauck bei einer Gedenkveranstaltung zum Armenien-Krieg in Berlin einen Tabubruch: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", sagte der Bundespräsident in seiner Rede, die zuvor sorgfältig mit allen wichtigen Personen im Politikbetrieb abgestimmt worden war. Nur einen Tag später passierte eine Resolution den Bundestag, in der ebenfalls vom "Völkermord" an den Armeniern die Rede ist. Bisher hatte die Bundesregierung an diesem Punkt stets laviert, denn die Türkei versperrt sich gegen den Vorwurf. Entsprechend verärgert war wieder die Reaktion aus Ankara: Gauck habe "kein Recht, die türkische Nation eines Verbrechens zu beschuldigen, dass sie nicht begangen" habe, teilte das Außenministerium mit. Das türkische Volk werde Gauck das "nicht vergessen und nicht vergeben".