Seit Tagen war darüber spekuliert worden, ob der Bundespräsident für eine zweite Amtszeit antreten will oder nicht. Jetzt hat er sich erklärt: "Heute möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mich entschieden habe, nicht erneut für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren", sagte Joachim Gauck bei einem Pressestatement im Schloss Bellevue. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, da es eine Ehre für ihn sei, der Bundesrepublik zu dienen.

Er begründetet die Entscheidung mit seinem Alter, Gauck ist 76 Jahre alt. Er könne für die nächsten fünf Jahre nicht dieselbe Energie und Vitalität voraussetzen wie für die vergangenen fünf, sagte er. Dafür könne er nicht garantieren. "Die Lebensphase zwischen 77 und 82 ist eine andere, als die, in der ich jetzt bin."

Gauck hat großen Rückhalt in allen Parteien, Union, SPD und Grüne befürworteten eine zweite Amtszeit, ebenso Kanzlerin Angela Merkel (CDU). 2010 hatte sie Christian Wulff als Gegenkandidaten zu Gauck, dem Kandidaten von Rot-Grün, positioniert, der nach nur 20 Monaten von seinem Amt zurückgetreten war – wegen Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Hauskredit. Gauck folgte ihm im März 2012 nach. Auch in der Bevölkerung ist der Bundespräsident beliebt: Zuletzt sprachen sich in einer Umfrage 70 Prozent der Deutschen dafür aus, dass er weitermacht. Für die zahlreichen Ermutigungen sei er "von Herzen dankbar", so Gauck, der den Wechsel im Amt des Bundespräsidenten als "demokratische Normalität" bezeichnete.

Die Nachfolgerdiskussion hatte bereits am Wochenende begonnen, als die Bild-Zeitung vom geplanten Amtsverzicht Gaucks berichtete. Genannt wurden dabei etwa Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich die Union kurz vor der Bundestagswahl auf einen gemeinsamen Kandidaten mit SPD oder Grünen einigen wird. Aus der Linken und der SPD wurden Stimmen laut, die einen gemeinsamen rot-rot-grünen Bewerber forderten.

Endliche Möglichkeiten

Seine politische Zukunft hatte Gauck lange offengelassen. Auf einer Chinareise im März hatte er gesagt, es sei ein schönes Gefühl, zu spüren, dass viele Menschen sich eine Fortsetzung seiner Arbeit wünschten. "Dabei muss man aber auch seine eigenen physischen und psychischen Kräfte bedenken", sagte er.

Gauck war in der Endphase der DDR 1989 als Unterstützer der Bürgerrechtsbewegung bekannt geworden. Nach der Wende wurde er als Kandidat für das Bündnis 90 in die letzte DDR-Volkskammer gewählt. Von 1991 bis 2000 war er Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen.

Ein Schwerpunkt seiner ersten Amtszeit war das Bemühen, Deutschlands Rolle in der Welt neu zu definieren und mehr Verantwortungsbewusstsein einzufordern. Auch militärisches Engagement dürfe nicht mit dem Hinweis auf die nationalsozialistische Vergangenheit ausgeschlossen werden, sagte er 2014 auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Auch die Flüchtlingskrise machte er zu seinem Thema. "Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich", sagte er.