Im besten Fall ist sie eine Frau und sie kommt von außerhalb der Politik: Sie ist jung, kaum älter als die vorgeschriebenen 40 Jahre. Sie ist online-affin, brilliert in Twitter-Diskussionen ebenso wie auf dem diplomatischen Parkett. Sie begeistert junge Menschen für Politik und beeindruckt ältere durch kluge Debattenbeiträge. 

Ihre Leistung und ihr Charisma haben sie wählbar für das höchste Amt im Staat gemacht, sie ist über politische Lager hinweg akzeptiert – bekommt die Stimmen von Grünen, Linken, vielleicht auch von FDP und den Piraten. Ihre Worte einen Deutschland. Nominiert, ja entdeckt, hätte sie aber natürlich die SPD.

So wünschen es sich nicht wenige Sozialdemokraten, seit Bundespräsident Joachim Gauck zu Wochenbeginn angekündigt hat, sich nicht um eine zweite Amtszeit bewerben zu wollen. Die Überlegung, die vor allem vom linken Flügel der SPD ausgesprochen wird, lautet so: Zur Bundespräsidentenwahl im Februar 2017 sollte die SPD einen eigenen Kandidaten nominieren und damit den Wahlkampf gegen die Union eröffnen: "Klar ist: Die SPD sollte auch mit Grünen und Linken sondieren, ob sich ein gemeinsamer Kandidat oder eine gemeinsame Kandidatin finden lässt. Ein Kandidat der Großen Koalition wäre das falsche Signal", sagt Matthias Miersch, der Sprecher der linken Bundestagsabgeordneten in der SPD ist, ZEIT ONLINE.   

Die linke SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis wünscht sich explizit eine Kandidatin, die die Abstiegsängste der Deutschen thematisiert. SPD-Fraktionsgeschäftsführerin Christine Lambrecht, die ebenfalls dem linken Parteiflügel angehört, wiederum sagt, es wäre "sicherlich auch ein gutes Signal", wenn eine Frau Bundespräsidentin würde.

"Jetzt erst mal nix sagen"

Natürlich sind Abstriche denkbar, was Alter, Geschlecht und auch den Twitter-Account betrifft: Aber auch die engere Führung um Sigmar Gabriel denkt darüber nach, einen für die Opposition unwiderstehlich guten Namen ins Spiel zu bringen – um sich sichtbar von der Union zu emanzipieren. Gleichzeitig will man sich Zeit lassen. Auf der traditionellen Spargelfahrt des konservativen Seeheimer Kreises der SPD herrschte am Dienstagabend demonstrative Gelassenheit. "Jetzt erst mal nix sagen", war die Devise, die ein gut gelaunter Parteichef vorgab. Joachim Gauck sei noch bis Februar 2017 im Amt: Es sei nicht angemessen, bereits Monate vorher "wie ein pawlowscher Hund zuzubeißen" und "irgendwelche Namen im Maul zu bewegen", gab Gabriel den Gästen noch mit auf dem Weg. Neben konservativen SPDlern waren an Bord auch zahlreiche linke Genossen, die bei Spargel und Wein die politische Lage sondierten.

Die SPD-Führung treibt die Erkenntnis, dass wer in der Politik zu früh gehandelt wird, später oft verbrannt ist, wenn die Diskussion sich auf die wichtigen Kandidaten zuspitzt. Dieses Mal drängt sich eben auch keine natürliche Kandidatin des linken Lagers auf, eine wie Gesine Schwan. Auf die SPD-Politikerin hatten sich SPD und Grüne 2004 und 2009 einigen können, bei der ersten Wahl bekam sie sogar Stimmen über das rot-grüne Bündnis hinaus.

Bei der aktuellen Suche nach einer Kandidatin des Wandels fällt in der SPD derzeit öfter der Name von Jutta Allmendinger, die Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin. Sie ist eine kluge Außenseiterin und bei vielen Genossen gut gelitten. Aber Wohlmeinende fürchten eben auch, dass sie nun schon viel zu früh im Gespräch ist.

Auch die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung erschweren die Kandidatensuche. Das Wahlgremium setzt sich zusammen aus den Mitgliedern des Bundestags und Vertretern der Bundesländer, die wiederum von den Landtagen bestimmt werden. 1.260 Wahlleute werden es sein, die über das nächste Staatsoberhaupt bestimmen. Mit derzeit 560 Stimmen hat die Union nicht die nötige absolute Mehrheit, um im ersten Wahlgang einen eigenen Kandidaten durchzusetzen. Ein rot-rot-grüner Kandidat hätte erst im dritten Wahlgang eine theoretische Chance gegen einen Gegenkandidaten der Union, dann zählen einfache Mehrheiten. Nur ein(e) Kandidat(in), die geschlossen auch von FDP und Piraten getragen würde, könnte eine absolute Mehrheit gegen die Union bekommen. Das aber gilt als unwahrscheinlich.

Es der FDP nachmachen?

Vieles muss daher noch besprochen und austariert werden. Nur eines ist klar: Die SPD hat sich vorgenommen, der Union nicht allzu sehr entgegenzukommen. "Die Union hat klar gemacht, dass es kein Sozialdemokrat werden soll. Dann wird es nach Lage der Dinge auch kein Christdemokrat", das machte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann schon mal klar.

In der SPD hofft man nun, dass Merkel unter dem Druck ihrer eigenen Leute vielleicht schon im Spätsommer einen eigenen Kandidaten präsentiert. Diesen könne man auf seine Tauglichkeit und Konsensfähigkeit hin beschauen und dann eventuell mit einem starken eigenen Kandidaten im gegnerischen Lager werben gehen.

Ebenso wie es mit Joachim Gauck war, daran erinnerte Gabriel am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin: "Da wollte die CDU am Anfang unbedingt einen CDU-Politiker, und SPD und Grüne haben Joachim Gauck vorgeschlagen."  Bei der ersten Wahl 2010 sei Gauck noch knapp gegen Christian Wulff durchgefallen, "beim zweiten Mal haben ihn dann alle getragen. Das zeigt, dass das ein kluger Weg war, einen Bundespräsidenten zu finden", sagte Gabriel.

Er spielte damit darauf an, dass sich 2012 der schwarz-gelbe Juniorpartner FDP von Merkel abgewandt und mit der Opposition gemeinsame Sache für Gauck gemacht hatte. Merkel, die eigentlich wieder auf der Suche nach einem CDU-Mann war, musste einlenken. Ein ähnliches Eingeständnis der Schwäche der Kanzlerin und das noch zu Beginn des Wahlkampfjahres 2017, das würde natürlich auch die Genossen erfreuen.