Noch ist es nicht offiziell, noch ist es nur ein Medienbericht. Aber vieles deutet schon seit Längerem darauf hin, dass Joachim Gauck es mit einer Amtszeit als Staatsoberhaupt gut sein lassen will. Am Dienstag will er seine Entscheidung bekannt geben, heißt es. Alles andere, als dass er bei der Wahl im kommenden Februar nicht noch einmal antritt, wäre aber eine Überraschung.

Gauck war ein Glücksfall für das Land. Er hat dem höchsten Amt wieder Würde gegeben, nach den Rücktritten von Horst Köhler und Christian Wulff. Und er hat ihm neuen Glanz verliehen. Wie vor ihm vielleicht nur Richard von Weizsäcker ist er ein Meister der Rede. Er beherrscht das einzige Instrument, das dem Bundespräsidenten Macht verleiht. Und er trifft in der Regel den richtigen Ton.

Vor allem aber ordnet sich Gauck nicht in den Mainstream ein, er redet der Politik so wenig wie den Bürger nach dem Mund. Er ist eigenständig, weil er von niemandem abhängig ist. Als er vor vier Jahren ins Amt kam, kritisierte er die Ostdeutschen, die sich zurück in die DDR sehnten. Er kritisierte die Linkspartei, die ihn als Einzige nicht mitgewählt hatte. Er kritisierte Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan. Er prangerte auch auf Staatsbesuchen Menschenrechtsverletzungen an, auch wenn das den Gastgebern und der Bundesregierung nicht gefiel.

In der Flüchtlingskrise setzte er sich von Merkel ab. "Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten, sie sind begrenzt", sagte er schon früh. Das gefiel auch denen, die von der Willkommenskultur der Kanzlerin nichts halten. Gauck setzt sich auch sehr für die Integration ein. Doch anders als sein Vorgänger Wulff wollte er den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" so nicht übernehmen. Der amtierende Bundespräsident formuliert seine eigenen Botschaften, die nicht immer bequem sind.

Zu einer der wichtigsten und umstrittensten seiner Botschaften gehört die Aussage, dass Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müsse, notfalls auch militärisch. Das setzte eine außenpolitische Debatte in Gang, gefiel aber den Deutschen nicht so gut wie andere Aussagen von ihm.

Bei den Bürgern höchst beliebt

Dennoch würden sich mehr als zwei Drittel der Bürger wünschen, dass Gauck im Amt bleibt. Die Parteien hätten das wohl auch am liebsten gesehen. Denn es hätte ihnen erspart, jetzt, ein Jahr vor der Bundestagswahl und inmitten vieler Koalitionsquerelen, einen neuen Präsidenten finden zu müssen.

Dass Gauck diesem Wunsch wahrscheinlich nicht folgt, dürfte zwei Gründe haben. Einen vordergründigen und einen hintergründigen. Vordergründig ist es das Alter. Gauck wäre bei der zweiten Wahl 77, und 82, wenn er das Amt dann verlassen würde. Das ist ein Alter, in dem es nicht nur körperlich immer schwerer wird, den Strapazen des Amtes und der vielen Reisen auch ins Ausland gewachsen zu sein. Sondern in dem auch häufig die geistigen Kräfte nachlassen. Gauck ist ohnehin schon der älteste Bundespräsident, den es je gab. Und er möchte sicherlich nicht enden wie einst Heinrich Lübke, der in seiner zweiten Amtszeit aufgrund nachlassender geistiger Kräfte zum Gespött wurde.