AfD und AfBW, dazu ein einzelner, ausgetretener Abgeordneter und eine zerstrittene Bundesspitze: Die Spaltungen von Stuttgart bringen die Alternative für Deutschland durcheinander. Drei Gruppen gibt es aktuell im Landtag: Die neunköpfige Rest-Fraktion, die sich geweigert hatte den Abgeordneten Wolfgang Gedeon auszuschließen, dem Antisemitismus vorgeworfen wird; die wiederum im Protest dagegen ausgetretenen 13 Abgeordneten um den früheren Fraktionsvorsitzenden und Bundessprecher Jörg Meuthen, die nun eine neue Fraktion als "Alternative für Baden-Württemberg" gründen wollen. Und den nun doch noch ausgetretenen Abgeordneten Gedeon selbst. Wer sich in Zukunft als AfD-Vertretung im Landtag durchsetzen wird ist – auch juristisch – noch unklar. Dass es nur eine geben kann, das erzwingt das Fraktionsvermehrungsverbot, auf das die Landtagsverwaltung hinweist.

Zu dieser Eskalation konnte es nur kommen, weil es nicht nur um den Antisemitismusvorwurf ging, sondern auch um Machtinteressen einzelner AfD-Politiker auf Bundesebene. Wer unterstützt wen und wer will was?  

Jörg Meuthen – Geschwächt oder konsequent?

Der Wirtschaftsprofessor aus Karlsruhe kam als vermeintlicher Vertreter der gemäßigten AfD an die Spitze der ehemaligen Professoren-Partei. Er ist im Ton freundlich und umgänglich. Das hat ihn allerdings nie daran gehindert, in der Sache ordentlich auszuteilen – gegen das "links-grün-versiffte 68er-Deutschland" zum Beispiel. Als Co-Bundesvorsitzender der AfD versucht er, eine Spitzenkandidatur Petrys zur Bundestagswahl 2017 zu verhindern. Er hat ihr im Bunde mit Bundesvize Alexander Gauland und dem nationalistischen Thüringer Fraktionschef Björn Höcke im kleinen Kreis die charakterliche Eignung für dieses Spitzenamt abgesprochen. Um Petry zu schaden, brachte Meuthen als Spitzenkandidatin das Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel ins Gespräch – sie sagte aber kurz darauf per Interview ab.

Hintergrund der Abneigung gegenüber Petry sind auch deren von Meuthen beklagten Einmischungsversuche in Baden-Württemberg. Seit dem Bundesparteitag vom Mai in Stuttgart, bei dem die AfD ihr Programm beschloss, versucht Meuthen, Baden-Württemberg zu einem eigenen Kraftzentrum der Partei auszubauen. Um in der Krise um den Abgeordneten Gedeon seinen Macht- und Führungsanspruch durchzusetzen, drohte er mit Rücktritt – und macht nun, da er die nötige Zweidrittelmehrheit nicht bekommen hat, seine eigene Fraktion auf.

 Frauke Petry – Strippenzieherin oder Krisenmanagerin?

Die sächsische Fraktions- und Landeschefin hatte im vergangenen Jahr den Machtkampf gegen Bernd Lucke gewonnen und galt danach als eigentliche Anführerin der Partei. Nun versucht sie, ihren aufstrebenden Co-Chef Meuthen als unfähig darzustellen. Meuthen habe es im Streit um Gedeon an "seriösen Formen der Aufklärung" fehlen lassen, schrieb Petry in einem Brief an die Mitglieder. Zugleich bot sie Meuthen an, ihm bei der Beilegung des Streits behilflich zu sein. Damit attestierte sie Meuthen unausgesprochen Führungsschwäche.

Den Fall Gedeon erklärte sie kurzerhand auf Facebook als Angelegenheit des gesamten Bundesvorstandes und reiste zum Leidwesen Meuthens zu Gesprächen "mit der gesamten AfD-Fraktion" nach Stuttgart. Am Ende traf sie lediglich mehrere Unterstützer Gedeons. Die sollen ihn anschließend zum Fraktionsaustritt überredet haben, den Gedeon dann gemeinsam mit Petry verkündete. Bei Meuthen erhielt Petry keinen Termin. Er wisse nicht, was Petry in Stuttgart überhaupt wolle, sagte er zunächst. Erst am Tag nach Gedeons Rücktritt traf man sich unter vier Augen. Dass Meuthen auch danach noch an der Fraktionsspaltung festhielt und nicht wieder zu den übrigen neun zurückkehren wollte, lässt sich auch als Kampfansage an Petry deuten: Sie soll sich nicht als große Friedensstifterin verkaufen können.

Petry ist im Bundesvorstand mittlerweile weitgehend isoliert. Sie lässt sich nicht mehr vom offiziellen Pressesprecher vertreten, sondern hat ein Team aus einem ehemaligen Focus-Journalisten und dem Bundesvorsitzenden des Jugendverbands Junge Alternative um sich geschart. Außerdem berät sie Marcus Pretzell, NRW-Vorsitzender und Abgeordneter im Europaparlament. Die beiden sind seit vergangenem Herbst ein Paar.

Alexander Gauland – der Meuthen-Freund

Der Fraktionschef aus Brandenburg ist vom Petry-Verbündeten zum Petry-Gegner geworden. Er griff sie schon für das missglückte Treffen mit dem Zentralrat der Muslime scharf an und hat sich auch in der aktuellen Eskalation auf die Seite Meuthens gestellt. Er bezeichnet Gedeon klar als Antisemiten und wirft Petry vor, dessen Ausschluss durch das von ihr mit angeregte Gutachten verzögert zu haben. Auch kritisiert er Petrys Reise nach Stuttgart als Einmischung.

Gauland selbst ist in außenpolitischen Fragen die unbestrittene Autorität in der AfD. Bisher hat er allerdings keine Ambitionen gezeigt, doch noch mehr zu werden als Parteivize. Gauland hatte sich einst auch schon von Lucke abgewendet, als der in der Partei unter Druck geriet.

Der Bundesvorstand

Die Parteispitze um Meuthen und Petry teilt sich in Unterstützer und Gegner der beiden Spitzenkräfte, es gibt reichlich Kakophonie: Kürzlich hatten sich die Bundesvorstände auf eine Kommunikationsstrategie geeinigt: Die Parteispitze sollte sich nicht öffentlich in Angelegenheiten der Landesverbände einmischen. Das kümmerte in der Praxis dann aber niemanden. Petry fuhr nach Stuttgart, und der Rest des Vorstandes solidarisierte sich eilig mit Meuthen.

Björn Höcke – der Dinge ins Rutschen bringt

Bernd Lucke hatte einst versucht, den nationalistischen thüringischen Fraktionsvorsitzenden aus der Partei zu werfen – und war auch an Petry gescheitert. Nun ist Höcke zum Petry-Kritiker geworden und unterstützt Gauland und Meuthen. Vor allem aber gibt Björn Höcke nicht so viel auf Parteiprogramme und Regeln, seine Rolle ist eher die des Demagogen und Volkstribuns. Die AfD sei "die letzte evolutionäre Chance fürs Vaterland", sagt der dann beispielsweise. Er ist der radikale Antreiber, der die AfD immer weiter in den völkischen Nationalismus drängt und alle anderen in der Partei zwingt, sich dazu zu verhalten. Meuthen und Gauland haben ihn bisher immer gestützt.

Höcke hält auch vom Beschluss des AfD-Vorstands wenig, mit Pegida nicht zusammenarbeiten zu wollen. Man solle das "nicht allzu hoch hängen", hatte er dem Spiegel gesagt. "Erfahrungsgemäß geht die Zeit über viele Parteibeschlüsse schnell hinweg. Es ist alles ins Rutschen gekommen."

Wolfgang Gedeon – der Provokateur

Der Facharzt im Ruhestand wurde zur Landtagswahl im März in einem Wahlkreis in Singen in den Landtag gewählt. In seinem 2012 erschienenen Buch Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten analysiert er die "doppelte Moral des Westens und seiner Medien", rechnet mit den Grünen ab und bezeichnet den Holocaust als "gewisse Schandtaten" und als "Zivilreligion des Westen", Holocaust-Leugner als "Dissidenten". Mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert, lehnte er erst persönliche Konsequenzen ab. Jetzt ist er ausgetreten und wird wohl keiner wie auch immer gearteten AfD-Fraktion in Stuttgart noch angehören.