Konnte der Amoklauf von München verhindert werden? Wie nach den ähnlichen Taten in Erfurt 2002 oder Winnenden 2009 gibt es auch nach den Geschehnissen vom Freitag erste Zweifel an der Wirksamkeit der hiesigen Waffengesetze. So hält Bundesinnenminister Thomas de Maizière die bestehenden Regelungen zwar für "bereits sehr streng". Allerdings, so der CDU-Politiker in einem Interview mit der Zeitung Bild am Sonntag, müsse man "sehr sorgfältig prüfen, ob und gegebenenfalls wo es noch gesetzlichen Handlungsbedarf gibt". Gleichwohl müsse zunächst ermittelt werden, wie sich der Täter von München die Waffe beschafft hat.

Ähnlich äußerte sich auch Vizekanzler Sigmar Gabriel: "Die Waffenkontrolle ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen weiter alles tun, um den Zugang zu tödlichen Waffen zu begrenzen und streng zu kontrollieren", sagte der SPD-Vorsitzende den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Ein labiler oder sogar psychisch kranker 18-Jähriger dürfe nicht an Schusswaffen gelangen.

Anlass für die Debatte ist die Tat des 18-jährigen Ali S., der am Freitagabend am Münchner Olympiazentrum neun Menschen und dann sich selbst erschossen hatte. Nach Erkenntnissen der Polizei handelte es sich um den Amoklauf eines Einzeltäters. Er soll unter Depressionen gelitten haben. In der Wohnung des jungen Mannes wurde nach Aussage de Maizières Material gefunden worden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden 2009 und zum Massenmord des Norwegers Anders Behring Breivik vor genau fünf Jahren vermuten lasse. Einen zunächst befürchteten Bezug der Bluttat zur Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) schlossen die Behörden aus.

"Hinsehen – gerade bei Jugendlichen"

Für seine Tat nutzte der Deutsch-Iraner eine Neun-Millimeter-Glock-Pistole und hatte noch 300 Schuss Munition übrig. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler soll er sich die Waffe illegal beschafft haben. Die Seriennummer der Pistole war demnach ausgefeilt, was bei legal gehandelten Waffen nicht sein darf. Woher die Waffe von Ali S. kam, ist noch nicht bekannt.

De Maizière appellierte an die Menschen in Deutschland und Europa, ruhig zu bleiben. "Ich verstehe, dass die Bevölkerung besonders aufgewühlt ist. Nach Nizza, Würzburg nun München – es ist sehr wichtig, dass wir jeden Fall einzeln aufklären, dass wir die Hintergründe verstehen und die richtigen Konsequenzen ziehen können", sagte er und appellierte zugleich an die Wachsamkeit der Bevölkerung. "Wenn Menschen sich verändern, psychisch auffällig werden oder sich radikalisieren, bedeutet das eine besondere Herausforderung für ihre Familien, für Freunde und behandelnde Ärzte und Therapeuten." Bei Anzeichen von Veränderungen, die Anlass zur Sorge geben, könne und müsse professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, "da solche Entwicklungen das Umfeld des Betroffenen sonst schnell überfordern". Auch Gabriel meint, Staat und Gesellschaft müssten bei psychisch instabilen Menschen "hinsehen und intervenieren – gerade bei Jugendlichen".

CSU will Bundeswehr-Einsätze im Innern

Die bayerische Landesregierung setzt dagegen auf eine Stärkung der Sicherheitsbehörden. "Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir als politisch Verantwortliche alles Erdenkliche tun werden, um unsere Bevölkerung zu schützen", sagte Ministerpräsident Horst Seehofer nach einer Sondersitzung seines Kabinetts in München. Er ließ durchblicken, dass es mehr Geld für die Polizei geben soll – sowohl für zusätzliche Stellen als auch neue und bessere Ausrüstung.

Sein CSU-Kollege, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, findet "Menschen haben ein Recht auf Sicherheit" und erneuerte eine alte Forderung, wonach die Bundeswehr auch im Innern eingesetzt werden sollte. In extremen Situationen wäre es völlig unbegreiflich, wenn gut ausgebildete Soldaten nicht eingesetzt werden dürfen, obwohl sie bereitstehen, sagte er der Welt am Sonntag. Das sei in den meisten europäischen Ländern selbstverständlich. Den Verweis auf die historisch begründeten Vorbehalte in der Bundesrepublik lässt er nicht gelten. Diese seien überholt, so Herrmann. "Wir leben nicht in Zeiten der Weimarer Republik. Wir haben eine absolut stabile Demokratie."