Schon bevor es losgeht, ist klar: Heute gibt es nur ein Thema. Wie in jedem Jahr stellt sich Angela Merkel in der Sommerpause den Fragen der Hauptstadtpresse. Angesichts der jüngsten Anschläge findet der Termin aber unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Beamte des Bundeskriminalamts kontrollieren die Taschen der Journalisten am Eingang der Bundespressekonferenz.

Trotzdem ist Angela Merkel keine Unruhe anzumerken, selbst von gezielten Provokationen lässt sie sich nicht aus der Fassung bringen. Merkel bleibt Merkel. Eine Journalistin aus den Niederlanden versucht es dennoch. Was die Bundeskanzlerin einem Bürger auf der Straße antworten wolle, wenn der ihr vorwerfe: "Sie sind schuld, Frau Merkel." An den Attentaten in Würzburg und Ansbach, an dem islamistischen Terror, der nun in Deutschland angekommen sei. Was also will Angela Merkel den Menschen sagen, wenn sie ihre Einwanderungspolitik dafür verantwortlich machen, dass nun Flüchtlinge terroristische Anschläge verübt haben?

Die Kanzlerin begegnet der Verunsicherung in der Bevölkerung und den Schuldzuweisungen im gewohnt beherrschten Habitus. "Angst kann nicht der Ratgeber für politisches Handeln sein", sagt sie und man muss ihr hier zustimmen. Auch will die Kanzlerin nicht einräumen, dass ihre Flüchtlingspolitik falsch gewesen sei oder gar die Gefährdung in Deutschland erhöht habe. Sie habe schlicht der "humanitären Verantwortung" gerecht werden wollen. Und das gelte immer noch. Zumal keine der jüngsten Attacken auf die Flüchtlingspolitik der vergangenen zwölf Monaten zurückzuführen ist.

Diffuses Gefühl des Kontrollverlustes

Trotzdem kämpft Merkel an diesem schwülen Sommernachmittag gegen ein diffuses Gefühl an, das sich seit Monaten in der Bevölkerung festgesetzt hat und sich durch die Attentate noch potenziert: Die Politik hat die Kontrolle verloren. Erst die Flüchtlingskrise, dann die Übergriffe der Kölner Silvesternacht, jetzt die Anschläge. Angela Merkel will den Menschen beweisen, dass sie handlungsfähig ist, dass ihre Regierung durchaus etwas unternimmt, um die Bevölkerung zu schützen. Etwa durch den Einsatz der Bundeswehr im Inneren bei einem Terrorangriff, bessere Geheimdienstarbeit oder der schnelleren Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern. Sie präsentiert, wie üblich in der Politik, einen Maßnahmenkatalog.

Doch es bleibt diese Diskrepanz zwischen dem Handeln der Regierung und der Wahrnehmung der Bevölkerung. Nicht umsonst ist die Zustimmung für die Fundamentalopposition zur merkelschen Politik in Form der AfD seit Monaten hoch, sie könnte inzwischen aufgrund der jüngsten Attentate sogar noch gestiegen sein. Auch manch ausländisches Medium macht offenbar einen Wendepunkt in der Ära der Kanzlerschaft Merkel aus: Es sei nun "das Ende von Deutschlands goldenem Zeitalter" gekommen, prophezeit etwa das US-Magazin Politico, auch andere Publikationen schreiben: Die politische Stabilität sei dahin und mit der Wirtschaft werde es bald wieder bergab gehen.

Nicht von der Angst leiten lassen

Auch wenn diese Dramatik wohl stark übertrieben ist. Klar ist: Die Kanzlerin steht ein gutes Jahr vor der Bundestagswahl unter enormem Rechtfertigungsdruck. Sollte sie ein weiteres Mal antreten, was sie übrigens auch diesen Donnerstag nicht ausgeschlossen hat, muss sie darauf hoffen, dass nicht noch Schlimmeres geschieht. Schließlich zeigt gerade die Erfahrung aus anderen Ländern: Selbst wenn wie in Frankreich kaum Flüchtlinge aufgenommen wurden, sind terroristische Angriffe nur schwer zu verhindern. 

Die Kanzlerin liegt trotzdem richtig, wenn sie ihre Politik nicht von der Angst vor Anschlägen leiten lässt. Dadurch gewinnt man kein Vertrauen. Viel wichtiger ist, weiter am Zusammenhalt in der Gesellschaft zu arbeiten, etwa durch eine gute und gelungene Integration. Davon hat Deutschland auch in der Vergangenheit immer profitiert.