Den Fall haben alle gefürchtet, und doch hat jeder gehofft, dass er nie eintritt. Die ersten Stellungnahmen von Spitzenpolitikern in Berlin und in Bayern zur Bombe von Ansbach spiegelten genau diese Hoffnung wieder. Der 27-jährige Syrer, dessen Sprengsatz 15 Menschen verletzt und ihn selbst getötet hat, könne ein islamistischer Terrortäter sein, eine labile Persönlichkeit oder eine Kombination aus beidem, sagt Innenminister Thomas de Maizière (CDU) noch gegen 15 Uhr in Berlin. Vorsichtig äußert sich zur gleichen Zeit auch sein bayerischer Kollege Joachim Herrmann (CSU) in Ansbach: Vieles deute "schon sehr" auf islamistischen Hintergrund, doch sicher sei das nicht.

Nur wenige Minuten später ist er sich sicher. Herrmann erfährt von den Auswertern der Polizei, dass sie ein Bekennervideo auf dem Handy des Täters gefunden haben. Der Mann beziehe sich auf den Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat", Abu Bakr al Baghdadi, und kündige im Namen Allahs Racheakte an gegen Deutsche, weil sie Muslime töteten. Damit, sagt Herrmann, sei es nun "unzweifelhaft": Was in Ansbach stattgefunden habe, sei ein "Terroranschlag mit islamistischer Überzeugung".

Den Fall haben alle gefürchtet, die Kanzlerin vorweg. Angela Merkel, berichten Leute, die sie in jüngster Zeit in internen Runden erlebt haben, sei schon über die letzten Anschläge sehr beunruhigt gewesen. Die Silvesternacht von Köln hat ihrem freundlichen Flüchtlingskurs einen schweren Schlag versetzt, weil danach die Debatte von Verdächtigungen, Ängsten und Sicherheitsfragen beherrscht wurde. Schon damals schwante düster einem Regierungsmann: Ein Flüchtling, der sich als IS-Terrorist erweist, "das wäre Köln zum Quadrat".

Frauke Petry sarkastisch

Nach dem Axt-Attentat von Nürnberg ging Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) sofort ins Fernsehen und bemühte sich um Einordnung: Nein, es gebe keine erhöhte Terrorgefahr durch Flüchtlinge; die meisten Attentäter seien in Europa aufgewachsen. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) stufte den Täter als Grenzfall ein – ein Amokläufer, der vom IS-Terror inspiriert worden sei.

Doch der Täter von Ansbach könnte wirklich derjenige sein, der – psychische Probleme auch bei ihm hin und her – das erste erfolgreiche Attentat im Namen des IS auf deutschem Boden verübt hat. Und Merkel muss sich jetzt auf eine böse Sommerdebatte einstellen.

Wie die im Extremfall aussehen könnte, hatte schon während des Münchner Mordanschlags der Dresdner CDU-Bundestagskandidat Maximilian Krah verdeutlicht. "Das muss der Wendepunkt sein: Die Willkommenskultur ist tödlich", verkündete der Rechtsanwalt via Twitter aus München, als dort noch gar nichts klar war. Hinterher gab er sich beleidigt über den Shitstorm, den er erntete. Krah blieb nicht der einzige aus seiner politischen Ecke, der sich mit vorschnellem Urteil blamierte.

Doch jetzt dürften sie rasch wieder Oberwasser bekommen. AfD-Chefin Frauke Petry spießte auf ihrem Twitter-Kanal ein Interview von CDU-Generalsekretär Peter Tauber auf, der darin Angela Merkels "Wir schaffen das" als teilweise erfüllt beschrieb, weil jeder Flüchtling ein Dach über dem Kopf habe. Petry hängte sarkastisch den Hashtag "#Ansbach" dahinter. Dass Taubers Interview vor "Ansbach" geführt worden war – egal. Und der Berliner CDU-Chefwahlkämpfer Frank Henkel spricht von "völlig verrohten Personen", die Deutschland "importiert" habe – solche Wortwahl kannte man bisher von CDU-Spitzenleuten auch noch nicht.