Der Ort, an dem Artikel 16a des Grundgesetzes auf das Leben trifft, ist ein Zimmer von etwa vier mal fünf Metern, am Boden blaue Teppichfliesen, Einbauschränke an den Wänden. "Raum 394. Janin Connerth. Entscheiderin", steht auf dem Schild vor der Tür. Drinnen sitzt eine junge Frau mit weiter Bluse und kurzem Bob an einem Schreibtisch mit Aktenstapel und wendet einen Ausweis in ihren Händen, auf dem Passfoto ein Mann mit kurzem Haar und Augenringen. Nur seine Augen verraten ihr: Es ist wohl der Mann, der hier vor ihr sitzt.

Haytham Al-Kadri trägt heute Pferdeschwanz und Hemd. Auf dem Ausweis steht "Staatsangehörigkeit: Syrisch", daneben das Datum seiner Einreise in die Bundesrepublik Deutschland im Oktober 2015. Das Foto zeigt ihn gleich nach seiner Ankunft. Al-Kadri ist hier, um zu erklären, warum er Deutschland nicht wieder verlassen möchte. Janin Connerth wird darüber entscheiden, ob er bleiben darf. "Sie müssen mir alles wahrheitsgetreu erzählen", sagt Connerth. "Ich vertraue Ihnen", sagt Al-Kadri.

Raum 394 liegt im dritten Stock eines Bürogebäudes in der Badenschen Straße im Westen Berlins; es ist die neueste Hauptstadt-Niederlassung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf. Das Bamf ist zuständig für sämtliche Asylverfahren in Deutschland. Das Amt mit dem lautmalerischen Kürzel ist damit die einzige Behörde in der Bundesrepublik, die direkt auf Basis des Grundgesetzes entscheidet. In Artikel 16a heißt es schlicht: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht."

Ob einer, der Asyl beantragt, auch Asyl erhält, entscheiden Menschen wie Janin Connerth. Connerth, 36, ist seit 1999 beim Bamf, seit 2013 ist sie Entscheiderin. Sie trägt Verantwortung für Schicksale. Hinzu kommt das Gewicht eines großen Versprechens: Dass wir das schaffen. Dass Deutschland Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen kann, ohne im Chaos zu versinken. Dass das Bamf jetzt funktioniert.

Connerth ist seit sechs Uhr früh an ihrem Schreibtisch, wenn alles gut geht, wird sie um 19 Uhr nach Hause gehen. Sie erzählt das fast verschämt, die vielen Überstunden verstoßen gegen die Vorschriften. Aber mit Dienst nach Vorschrift ist es spätestens seit "dem Herbst" vorbei.

Überstunden und Überforderung

"Der Herbst" 2015: Für die Zuschauer der Tagesschau waren das Bilder von Willkommensbannern am Münchner Hauptbahnhof und Flüchtlingstrecks auf der Autobahn, die von Österreich nach Deutschland führt. Für die Mitarbeiter des Bamf brachte dieser Herbst 60-Stunden-Wochen und Überforderung. Mehr als eine Million Asylsuchende kamen nach Angaben des Innenministeriums 2015 nach Deutschland. Ihnen gegenüber standen im Oktober deutschlandweit noch 396 Entscheider. Die Bilanz des Bamf zum Jahreswechsel: 400.000 unbearbeitete Anträge, 300.000 Angekommene, die zwar registriert wurden, aber noch keinen Antrag gestellt haben.

Ein Verwaltungsdebakel als Symbol für das Scheitern der Willkommenskultur? Für die Kanzlerin konnte das nicht infrage kommen. Als im September 2015 der bisherige Bamf-Chef sein Amt niederlegte, schickte sie einen Krisenmanager: Frank-Jürgen Weise, seit 2004 Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, übernahm auch die Leitung des Bamf. Er schickte sich an, die Behörde von Grund auf umzukrempeln. Weise – Bundeswehroffizier, Manager, CDU-Mitglied – verordnete dem Amt, das bis dato von allen vernachlässigt worden war, Effizienz und Flexibilität.

Ziel: eine Million Entscheidungen

Innerhalb weniger Wochen wurden beim Bamf die IT umgestellt und Hunderte neuer Stellen eingerichtet. Das Bamf lieh zeitweise Mitarbeiter vom Zoll, von der Post, der Bundeswehr. Vor allem aber setzte Weise darauf, sämtliche Arbeitsabläufe neu zu ordnen. Die vielleicht wichtigste Neuerung: Alle Anträge wurden ab sofort in Fallgruppen eingeteilt, sortiert von einfach bis komplex. Im Falle eines Syrers ist eine Entscheidung schnell getroffen, bei Afghanen ist das Verfahren schon schwieriger, wer aus Gambia kommt, muss seinen Anspruch erst beweisen. Die einfachen Fälle, so die Idee, können schnell abgearbeitet werden und haben damit Priorität. Das Ziel: eine Million Asylentscheidungen bis Ende 2016 und dafür fast 5.000 neue Mitarbeiter.

Die Zwischenbilanz: Ende Mai 2016 stehen noch etwa 460.000 Asylentscheidungen aus. Das Bamf hat mehr als 700 neue Entscheider, neue Software und damit allein in den ersten fünf Monaten 2016 rund 234.000 Asylanträge entschieden, 133 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. In Berlin, quasi in Sichtweite der Bundespolitik, hat sich das Bamf mehr als verdreifacht. Aus einem Amtsgebäude mit 18 Entscheidern sind drei Niederlassungen mit 85 Entscheidern geworden. Der Büroklotz in der Badenschen Straße, Raum 394 und Janin Connerth sind, wenn man so will, das neue Bamf. Den Zahlen nach sieht es ganz gut aus. Im echten Leben bedeutet es vor allem viel Arbeit – und ein bisschen Improvisation.