Nach zwei Jahren Arbeit übergibt die beim Bundestag angesiedelte unabhängige Expertenkommission zur Suche eines geeigneten Atommüllendlagers ihren Abschlussbericht am Nachmittag an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Der Co-Vorsitzende der Kommission, Michael Müller (SPD), warb für eine faire Diskussion über den Inhalt des mehr als 600 Seiten langen Berichts.

Bei der Lösung des Problems der Atommüllentsorgung gehe es nicht mehr um ein "Ja oder Nein", sondern um das "Wo und Wie", mahnte Müller. Da der radioaktive Abfall bereits existiere, gebe es "vollendete Tatsachen". Umweltverbände und Antiatomaktivisten hatten die Empfehlungen der Kommission in den vergangenen Tagen schon heftig kritisiert.

Im Mittelpunkt der Kritik: Das Gremium hatte für die Suche nach einem geeigneten Endlager auch den jahrzehntelang ausschließlich fokussierten Salzstock im niedersächsischen Gorleben nicht ausgeschlossen. Atomkraftgegner aus dem Wendland hatten darum für den heutigen Dienstag einen Treckerkorso durch das Berliner Regierungsviertel angekündigt, um gegen die Empfehlungen der Kommission zu protestieren.

Die Co-Kommissionsvorsitzende Ursula Heinen-Esser (CDU) verteidigte die Entscheidung, an Gorleben als möglichem Standort festzuhalten. Der Auftrag an die Kommission sei gewesen, Deutschland bei der Standortsuche als weiße Landkarte zu betrachten – hätte man Gorleben aus dem Verfahren herausgenommen, wäre man diesem Auftrag nicht gerecht geworden, sagte Heinen-Esser im rbb-Inforadio. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) geht indes weiter davon aus, dass ein Endlager künftig nicht in Gorleben eingerichtet werden kann. Die Gegebenheiten in dem Salzstock entsprächen nicht den Sicherheitsanforderungen an ein Endlager, sagt Wenzel im Deutschlandfunk. "Ich gehe davon aus, dass Gorleben Geschichte ist."

Endlager nicht vor 2050 in Betrieb

In der Endlagerkommission hatten Wissenschaftler und Fachleute wichtiger gesellschaftlicher Gruppen transparente Regeln für die schwierige Suche nach einer Atommülllagerstätte erarbeitet. Die wichtigste Vorgabe: Das Endlager soll den hochradioaktiven Abfall für eine Million Jahre sicher einschließen; im Notfall soll der Müll aber auch wieder zurückgeholt werden können. Auf der Grundlage des Abschlussberichts sollen Bundestag und Bundesrat die Auswahlkriterien für ein atomares Endlager in Deutschland gesetzlich festlegen, also das inzwischen fast drei Jahre alte Standortauswahlgesetz, wenn nötig, anpassen.

In dem Bericht spricht die Kommission sich dafür aus, den Atommüll in einem Bergwerk unterirdisch zu lagern. Salz, Ton und kristalline Hartgesteine wie etwa Granit seien dabei geeignete Wirtsgesteine für ein Endlager. Diese haben allerdings Vor- und Nachteile. Ton ist elastisch, kann Risse also eventuell automatisch schließen. Steinsalz ist undurchlässig, aber Wasserzuflüsse können Probleme bereiten. Granit ist extrem stabil, aber oft zerklüftet. Damit kommen grundsätzlich auch süddeutsche Bundesländer als Standorte infrage. Über die Eignung eines konkreten Standorts entscheiden letztlich auch Details wie die Dicke der Deckschichten, den Verlauf des Grundwassers und seismische Aktivitäten.

Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass ein Standort nicht vor 2050 in Betrieb genommen wird. Zunächst müssen infrage kommende Standortregionen ermittelt werden, dann folgen erste Tests der überirdischen Gegebenheiten an mehreren potenziellen Standorten. Die am besten geeigneten zwei sollen anschließend unterirdisch noch einmal genau geprüft werden. Am Ende entscheidet der Gesetzgeber. Im Lauf des Auswahlprozesses haben Anwohner, Kommunen und Umweltorganisationen aber verschiedentliche Klagemöglichkeiten.

Die Suche nach einem Endlager bewegt Deutschland seit Jahrzehnten. Die Arbeit der Kommission sollte auch dazu dienen, einen breiten Konsens über strittige Fragen herzustellen. Umweltverbände, darunter Greenpeace, wollten sich aber gar nicht erst an der Kommission beteiligen. Greenpeace hält die sichere Endlagerung in Bergwerken für dauerhaft unmöglich. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der in der Kommission vertreten war, lehnte den Abschlussbericht ab – wegen Gorleben.