Treffender als irgendjemand sonst hat William Shakespeare, Kenner der menschlichen Schwächen und Versuchungen, vor 400 Jahren die zerstörerischen Turbulenzen unserer Gegenwart gekennzeichnet: "Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, dass ich sie einzurichten kam", lässt er den dänischen Prinzen Hamlet sagen. Und in seinem Drama Der Sturm spricht der Königssohn Ferdinand bekümmert den Satz: "Die Hölle ist leer, und alle Teufel sind hier."

In der Tat. In erdrückender Häufung brechen, eine nach der anderen, Krisen der schlimmsten Art über uns herein. Globale Finanzkrise, griechische Schuldenkrise, Ukraine-Krise, Staatszerfallkrise und IS-Krise in Mittelost, Flüchtlingskrise, Terrorismuskrise, Amok-Krisen, Brexit-Krise und zu allem Übel nun auch noch die Türkei-Krise, der Absturz des Erdoğan-Regimes in die Autokratur. Wie sollen unsere Demokratien mit all dem fertig werden?

In seinem jüngsten Interview mit der Bild-Zeitung hat Bundespräsident Joachim Gauck etwas gesagt zu verschiedenen Aspekten der vielfältigen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen. Vor allem aber hat er denen eine Absage erteilt, die glauben, mit Volksabstimmungen lasse sich den Problemen, die uns bedrängen, am besten beikommen.

"Als ich vor vielen Jahren in die Politik kam, war ich Anhänger von Volksentscheiden", sagte er. "Inzwischen habe ich einige Erfahrungen gesammelt und sehe es differenzierter." Es gebe eine ganze Reihe von Themen, etwa Sicherheit, Steuern und Währungspolitik, "bei denen einfache Antworten wie Ja und Nein nicht ausreichen. Oft müssen schwierige Kompromisse gefunden werden, die mit Volksentscheiden nicht möglich sind." Gauck hätte da auch die Außenpolitik und die Europapolitik anführen können. Sein Resümee: "Auf Bundesebene ist unsere repräsentative Demokratie die beste Antwort auf die komplizierten Probleme unserer Zeit."

Repräsentative Demokratie, in der Tat. Es ist die Demokratie des Grundgesetzes. Nach Artikel 20 geht alle Staatsgewalt vom Volke aus und wird vom Bundestag ausgeübt.

Das ist auch gut so. Die vom Bundestag gewählte Bundesregierung können die Wähler bei den nächsten Parlamentswahlen zum Teufel jagen, wenn sie nach ihrer Ansicht eine falsche oder gar fatale Politik betrieben hat. Das Volk, das eine Entscheidung trifft, deren Konsequenzen sich als verfehlt oder katastrophal herausstellen, lässt sich nicht zum Teufel jagen; da kann man niemanden zur Verantwortung ziehen, denn es gibt keine Verantwortlichkeit, keine Rechenschaftspflicht, keine direkte Zurechnungsfähigkeit. Das missgeleitete, missleitende Volk kann sich seitwärts in die Büsche schlagen.  

Staatsphilosophen wie der Amerikaner Alexander Hamilton oder der Franzose Alexis de Tocqueville haben sich viele Gedanken über die in Demokratien mögliche "Tyrannei der Mehrheit" gemacht, die Minderheiten um Gehör und um ihre Rechte bringt. Heute haben wir das gegenteilige Problem: Die Vergewaltigung nämlich der Mehrheit durch lautstarke, kompromisslose, nie aufs Ganze, sondern immer nur auf ausschnitthaft Singuläres konzentrierte Minderheiten. Das gilt zumal in der Europapolitik.

Der frühere schwedische Premier Carl Bildt hat jüngst vorgerechnet, dass in den Niederlanden ganze 0,0006 Prozent des EU-Wahlvolks das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine abgelehnt haben. In dem EU-Referendum vom 23. Juni haben 51,9 Prozent der Briten – 17,4 Millionen von 33,5 Millionen Wählern – den Brexit durchgesetzt; bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 Prozent waren das knapp 36 Prozent der Wahlberechtigten. Nicht von ungefähr sagt der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn, wenn man Europa kaputt machen wolle, brauche man bloß noch mehr Volksabstimmungen abzuhalten. Der Bundespräsident hat sich nicht so drastisch ausgedrückt, aber er würde Asselborn gewiss zustimmen.

Beide haben Recht. Referenden eigenen sich nicht dafür, komplexe Fragen zu entscheiden. Es ist denn auch zu hoffen, dass andere EU-Länder, sollten sie sich trotz des Chaos, in welches das Brexit-Votum Großbritannien gestürzt hat, auf weitere Referenden einlassen, ein Minimum jener checks and balances einführen, die das repräsentative System auszeichnen.

Kenneth Rogoff, der frühere Chefökonom der Weltbank und heutige Harvard-Professor, hat dazu eine Reihe einleuchtender Vorschläge gemacht. Die Auffassung, dass jegliche Entscheidung "demokratisch" sei, die durch Mehrheitsbeschluss zustande kommt, hält er für eine Pervertierung des Begriffs. Es dürfe nicht sein, dass für das Auseinanderbrechen eines Landes – oder auch, füge ich hinzu, der Europäischen Union – weniger Stimmen nötig seien als für die Herabsetzung des Alters, in dem Jugendliche Alkohol trinken dürfen. Die Hürden müssten höher sein als bei der Verabschiedung eines Ausgabengesetzes. Kein Land dürfe fundamentale und unumkehrbare Beschlüsse von einer rasierklingendünnen Minderheit fassen lassen, die allenfalls für den kurzen Moment einer Gefühlsaufwallung besteht und schon bald danach von Reue erfasst wird (wie dies tatsächlich in Wales der Fall ist, wo die Pro-Exit-Mehrheit inzwischen schon wieder kräftig abgeschmolzen ist). Ähnlich hat Robert Leicht schon vor fünf Jahren in der ZEIT befunden: "Das (Teil-)Volk ist eben nicht von vornherein vernünftiger oder legitimitätsträchtiger als die 'normale' parlamentarische Politik."

Rogoff schlägt vor, bei Referenden solch historischer Tragweite im Laufe von zwei Jahren zweimal abstimmen zu lassen und die endgültige Entscheidung auf jeden Fall einem 60-Prozent-Votum des Parlaments zu überlassen. Die jetzige Praxis sei eine "formula for chaos". "Mehr Demokratie ist nicht in jedem Fall demokratisch", sagt auch Stephan Israel, der Korrespondent des Zürcher Tages-Anzeiger in Brüssel. Das Diktat der Minderheiten drohe die Gewaltenteilung außer Kraft zu setzen. Transnationale Vereinbarungen – außenpolitische Verträge also – würden damit praktisch unmöglich. Das Referendumsfieber gefährde Europas Stabilität. Auch Israel sieht in der direkten Demokratie "ein Rezept für Chaos".

Die CDU hält Referenden gleichwohl für ein sinnvolles Mittel, um die Bürger zu befrieden. Nach dem Entwurf ihres neuen Grundsatzprogramms will sie nicht nur Volksbegehren ermöglichen, die das Parlament zu neuerlicher Befassung mit einem umstrittenen Projekt zwingen, sondern auch Volksentscheide, die das Grundgesetz mit Zweidrittelmehrheit aushebeln. Zweidrittelmehrheit wovon – Wahlberechtigten, Wahlteilnehmern, gültigen Stimmen? Soll wirklich das gesamte Grundgesetz der Veränderung freigestellt werden? Die Steuerpolitik? Die Außenpolitik? Die Verteidigungspolitik? Und dies auch, wenn sich im Bundestag, dessen Abgeordnete nur ihrem Gewissen unterworfen sind, keine Mehrheit für eine Änderung findet?

Es wäre der Weg in eine andere Demokratie. Eine unberechenbare, schillernde, launenanfällige, labile Demokratie, ausgeliefert dem chaotischen, selbstsüchtigen, wankelmütigen populus, nicht mehr dem organisierten, disziplinierten, dem Gemeinwohl verpflichteten demos.

Haben wir wirklich keine anderen Probleme in einem historischen Augenblick, in dem die Hölle leer ist und alle Teufel hier?