Jetzt, da Jörg Meuthen seine eigene Fraktion verlassen und sich die AfD im Landtag von Baden-Württemberg spektakulär gespalten hat, lohnt es sich, ein paar Monate zurückzuschauen. Damals, im Landtagswahlkampf hatte Meuthen auch schon zu tun mit der Frage, was in seiner Partei sagbar sein soll und was nicht. Es ging bereits um die antisemitischen Schriften Wolfgang Gedeons, über die sich die Fraktion nun zerstritten hat, aber auch um ein Mitglied des Landesschiedsgerichts, der Barack Obama einen "Quotenneger" genannt hatte.

Meuthen fand das damals nicht so schlimm. Fragte man ihn, wo genau denn die Grenze zu dem verläuft, was er in der AfD nicht mehr akzeptiert, nannte er die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Das war eine Positionierung, die keine ist. Denn eine nachweislich verfassungsfeindliche AfD wäre sowieso verboten. Meuthen sagte also nur, dass seine Partei und seine Fraktionskollegen nicht gegen Gesetze verstoßen wollen. Alles andere sind dann nur noch überflüssige Tabus, wie geschaffen zum lustvollen Übertreten.

Damit hat Meuthen jenen politisch entsicherten Diskurs mit ermöglicht, der ihn nun den Fraktionsvorsitz gekostet hat. Er hat erst die Grenzen mit eingerissen, um dann doch noch eine einziehen zu wollen, die zum Antisemitismus, aber da war ein Teil seiner Partei und seiner Fraktion schon drüber weg gestürmt.

An der Stuttgarter Eskalation wird jetzt dreierlei deutlich:

Erstens: Die AfD lebt seit Gründung von der "das wird man doch mal sagen dürfen"-Geste, von der ständigen Ausweitung des politisch Sagbaren. Da die AfD keinen konsistenten inhaltlichen Kern hat (bis zum Mai 2016 hatte sie nicht mal ein Parteiprogramm), ist die Grenzüberschreitung selbst das Wesen der Partei. Sie definiert sich darüber, Dinge zu sagen, die andere nicht sagen. Das nennt sie dann "Wahrheit" und sich selbst "Volk". Der Hunger nach Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen ist bei einem Teil der AfD-Anhänger (und der Mandatsträger) offenbar unstillbar. Zu groß ist der Rausch, all die Konventionen endlich zu ignorieren. Nichts mehr zurückhalten müssen, endlich alles rauslassen! So wird politischer Durchfall zum Ideal.

Zweitens: Meuthen hat diesen Konflikt verloren, aber er hat ihn auch gewonnen. Die Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss Gedeons hat er nicht zusammenbekommen, was darauf hindeutet, dass er seine eigene Fraktion für harmloser (oder zahmer) hielt, als diese ist. Er ist wie angekündigt zurückgetreten, hat aber die Mehrheit seiner Fraktion mitgenommen. Und er hat offenbar die klare Mehrheit des Bundesvorstandes hinter sich