Es ist schwer zu sagen, ob sich die Lager nach der Sache sortiert haben, dem Vorwurf des Antisemitismus also, oder ob dahinter eher Machtinteressen standen. Meuthen, dessen Image als gemäßigter Professor immer nur ein Image war, hat sich längst mit den radikal völkischen Kräften in der Partei verbündet, mit Björn Höcke, mit Alexander Gauland und Andre Poggenburg. Seine Co-Vorsitzende Frauke Petry hingegen steht immer einsamer da. Als die Spaltung schon beschlossen und bekannt war, versuchte Petry über Facebook noch, die Deutungshoheit zu gewinnen: "Deeskalation ist das Gebot der Stunde", schrieb sie in der Stunde der Eskalation. Sie sei jetzt auf dem Weg nach Stuttgart, um selbst mit allen zu reden. "Daher bitte ich alle Abgeordneten, Ruhe zu bewahren und nicht mit voreiligen Entscheidungen an die Öffentlichkeit zu treten." Aber die AfD wartet nicht mehr auf Frauke Petry.

Drittens: AfD-Fraktionen sind Zerfallerscheinungen. In fünf von acht Landtagen sind bereits Abgeordnete im Streit ausgetreten, oft gleich mehrere auf einmal. Der Stuttgarter Fall dürfte nun besonders dramatisch werden. Der Bundesvorstand beschloss einstimmig eine Erklärung, in der er sich von allen AfD-Abgeordneten distanziert, die die Fraktion nicht verlassen haben. "Wir anerkennen als Vertreter der AfD im Landtag von Baden-Württemberg ab sofort nur Jörg Meuthen und die Abgeordneten, die sich ihm anschließen." Da nicht zwei AfD-Fraktionen im Landtag sitzen können, droht nun ein Streit darüber, welche die rechtmäßige ist. "WIR sind die AfD", erklärte Meuthen für seine Gruppe in bester Volksfront-von-Judäa-Manier, "wir denken als Mehrheit nicht daran zu weichen." Seine Gruppe will jetzt AfD-Fraktion sein, anstelle der AfD-Fraktion.

Zwischen Wahrheiten kann es keinen Kompromiss geben

Die AfD-Streitereien sind nicht nur "Häutungen" einer jungen Partei, wie Meuthen das verharmlosend nennt. Die Kämpfe sind besonders hart, weil die Partei als Ganzes und damit jeder für sich in Anspruch nimmt, nur dem "Mut zur Wahrheit" zu folgen. Das ist der Parteislogan.

Aber zwischen Wahrheiten kann es keinen Kompromiss geben. Eine Seite muss gewinnen und die andere verlieren. Die AfD-Fraktion in Stuttgart wollte das im Fall Gedeon durch eine "Gutachterfindungskommission" lösen. "Der Prozess lief aber nicht, das mussten wir sehr schnell feststellen", sagte Meuthen bei seiner Spaltungserklärung. Sie hatten einfach zu unterschiedliche Vorstellungen davon, welcher Gutachter wohl die wahrste, also richtige Wahrheit herausfinden würde.