Liebe Frau Hinz,

wochenlang hing Ihr Gesicht während des Wahlkampfs an der Laterne vor unserem Vorgarten. Wenn meine Mutter das Unkraut jätete oder mein Vater den Müll rausbrachte, schauten Sie zu. Und wir sahen Sie. Da prangte in roten Lettern das Logo der SPD. Schick, und freundlich sahen Sie immer aus auf den Wahlplakaten: Blazer, weiße Bluse, geföhnte Haare und schön geschminkt. Das hat mir gefallen. Denn es wirkte so konservativ-glamourös. Ihr Gesicht versprach: Ich bin eine von euch und mit mir wird alles besser, hier im Westen. Und ein wenig Glamour, das wissen wir beide, kann unsere Heimatstadt vertragen.

In Essen-Frohnhausen, da wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo das Herz höher schlägt, weils Heimat ist und wo Sie, Frau Hinz, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins sind, glänzt sonst nicht viel. Einst, da stand der Wahlkreis 120 für stolze Krupp-Mitarbeiter, für nette Mehrfamilienhäuser, für schuftende Familienväter. Klassisches Proletariat eben. Heute hat sich die Lage im Essener Westen verändert: Menschen mit Migrationshintergrund sind zugezogen, alle Freibäder haben dichtgemacht und an den S-Bahn-Stationen werden regelmäßig die Scheiben eingeschlagen. Willkommen im Problemviertel?

Ein Image, das in der SPD selten geworden ist

"Nein", haben Sie gesagt. Noch ist nichts verloren. Denn da sind auch die freudigen Entwicklungen, die, die Mut machen: grüne Parkanlagen und neue Fahrradwege, die von Frohnhausen zur Ruhr führen. Sie, Frau Hinz, haben immer gesagt: "Wat willste, dat is doch schön hier. Und wat nich schön is, machen wa halt schön." Zugegeben, ich habe Sie zwar nie in so einem Ruhrpott-Slang sprechen hören, aber es ist diese Botschaft, die bei den Bürgern ankam, womit Sie die Wählerherzen eroberten. Sie waren immer und überall irgendwie präsent und verkörperten dieses Image, das in der SPD selten geworden ist: die Zuhörerin, die Kümmerin. Petra Hinz erschien mir quasi als die kleine zupackende Schwester von Hannelore Kraft. Bei mir wirkte das, ich hatte das Gefühl: Sie und ich, wir haben etwas gemeinsam, wir lieben unsere Heimat, den wilden Westen, den meistbesiedelten Teil Essens.

Zwei Mal habe ich Sie deswegen gewählt, Frau Hinz. Zwei Mal! 2009 machte ich mein Kreuz hinter Ihren Namen und bei der Bundestagswahl 2013 wieder. Denn Sie wirkten authentisch, ehrlich, vertrauensvoll. Dass Sie Jura studiert haben sollen, das wusste ich damals nicht einmal. Ehrlich gesagt, ob BWL oder Philosophie, dat is mir alles schnurzpiepegal gewesen, um sprachlich mal im Ruhrgebiet zu bleiben. Sie haben mit Ihrem Programm überzeugt.

Gut erinnere ich mich an diesen Flyer mit dem Titel "Denk.bar für Frohnhausen bis 2020". Auf der ersten Seite Ihr Gesicht, auf der vierten Seite dann die lange Aufzählung, was alles schon erreicht wurde: "Neubau und Umgestaltung von Kindertagesstätten (3,6 Millionen Euro), Sanierung der Eissporthalle (4 Millionen), Sanierung und Neuanschaffung von Spielgeräten auf Spielplätzen." Das tat gut, denn es tat sich was in unseren hässlichen Ecken. Nicht alles in den vergangenen zehn Jahren, seitdem Sie im Bundestag sitzen, ist besser geworden, aber manches schon. Dass der Hundekot im Gervinuspark, wo ich als Jugendliche oft rumhing, nicht mehr aufm Boden liegen bleibt, weil es jetzt sogenannte Hundekotbeutelstationen gibt, haben Sie durchgesetzt.