Die türkische Regierung hat das vom Bundesverfassungsgericht bestätigte Verbot einer zugeschalteten Live-Videoansprache von Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf der Demonstration in Köln scharf kritisiert. Man sei mit mehreren Ministerien in Deutschland im Gespräch und erwarte eine "vernünftige Erklärung, warum das verweigert wurde", sagte Sportminister Akif Çağatay Kılıç auf Türkisch bei der Demo auf dem Gelände im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz, an der laut Polizei etwa 40.000 Menschen teilnahmen. Die Veranstalter hatten mit bis zu 50.000 Demonstranten gerechnet.

Zu hören war Erdoğan indirekt trotzdem: Gegen Ende der Kundgebung wurde eine Grußbotschaft des türkischen Präsidenten verlesen. Darin dankte Erdoğan den türkischstämmigen Bürgern in Deutschland für ihre moralische Unterstützung bei der Vereitelung des Staatsstreichs am 15. Juli. Er erinnerte daran, dass in der Nacht des Putschversuchs auch in Deutschland viele Menschen auf die Straße gegangen seien. Die Kölner Demonstration zeige, dass das Band zwischen der Türkei und den in Deutschland lebenden Türkischstämmigen immer noch sehr stark sei. Daran werde sich auch niemals etwas ändern. "Heute ist die Türkei stärker, als sie je vor dem 15. Juli gewesen ist", sagte Erdoğan.

Am Nachmittag hatten in Köln Zehntausende bei der umstrittenen Demonstration ihre Solidarität mit Erdoğan bekundet. Die Hauptkundgebung begann mit den Nationalhymnen der Türkei und Deutschlands. Viele Teilnehmer trugen T-Shirts in den türkischen Landesfarben, Schals mit Erdoğan-Schriftzügen; in Sprechchören wurde der türkische Präsident bejubelt. Laut der Polizei verlief die Veranstaltung friedlich. "Der gesamte Einsatz ist positiv verlaufen", sagte Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies. Die Versammlung hätte so durchgeführt werden können wie vorgesehen.

Die Türkei kämpfe für Demokratie, sagte der Sportminister

Der in Deutschland geborene Sportminister Kılıç sprach während der Demo zu den Teilnehmern. Wie Deutschland kämpfe auch die Türkei für Demokratie und gegen Terror, sagte Kılıç. Es sei traurig, dass behauptet werde, dass die Türkei nicht die Menschenrechte und den Rechtsstaat wahre. Die deutschen Medien hätten Vorurteile. Der deutschen Politik warf Kılıç vor, die Türkei werde ungleich behandelt gegenüber anderen Nationen, da es nicht die doppelte Staatsbürgerschaft gebe. Tatsächlich können aber Kinder türkischer Eltern, die in Deutschland geboren wurden und dort aufwachsen sind, seit Juli 2014 beide Staatsangehörigkeiten zugleich besitzen und müssen sich nicht mehr zwischen beiden entscheiden.

In Richtung "europäische Führungspersönlichkeiten" sagte der Politiker, sie hätten den EU-Beitritt verlangsamt und verhindert: "Das geht so nicht." Kılıç warb um ein gutes Verhältnis von Deutschen und Türken hierzulande und rief den Demo-Teilnehmern zu: "Seid gut zu euren deutschen Nachbarn, bedrängt sie nicht."

Zuvor hatte schon der für Europa zuständige Minister Omur Celik die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts als "einen Verstoß gegen demokratische Werte" kritisiert. Die Gerichtsentscheidung sei nicht vereinbar mit den Prinzipien der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Das oberste Gericht in Karlsruhe hatte entschieden, dass Politiker aus der Türkei nicht wie von den Veranstaltern geplant über eine Großbildleinwand zugeschaltet werden dürfen, um sich auf diesem Wege an die Teilnehmer zu wenden.