Im Streit um das Besuchsverbot für Abgeordnete des Bundestages bei deutschen Soldaten in der Türkei hält Bundestagspräsident Norbert Lammert einen Abzug der Bundeswehr für möglich. "Vielleicht muss noch einmal verdeutlicht werden, dass der Bundestag dem Einsatz deutscher Soldaten im Ausland grundsätzlich nur zustimmt, wenn sie im Rahmen internationaler Missionen dort gebraucht werden und willkommen sind", sagte der CDU-Politiker der Süddeutschen Zeitung.

Im Fall der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik müsse jeder wissen, dass die Soldaten "dort, wo sie nicht willkommen sind, nicht dauerhaft bleiben werden". Auch SPD-Generalsekretärin Katarina Barley sagte der Zeitung, der Abzug der Soldaten sei "eine denkbare Option", sollte sich die Türkei weiter gegen Besuche deutscher Abgeordneter auf dem Stützpunkt sperren. Schon am Wochenende hatten Politiker von CSU, SPD und den Grünen den Abzug der deutschen Einheiten ins Gespräch gebracht.

Die Bundeswehr ist auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik unweit der syrischen Grenze am internationalen Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) beteiligt. Von dort starten Aufklärungsflüge mit Tornado-Jets. Ende Juni verweigerte die Türkei die Erlaubnis für eine Reise von Verteidigungsstaatssekretär Ralf Brauksiepe mit einer Gruppe von Abgeordneten nach Incirlik. Zuvor hatte der Bundestag gegen den Protest der Türkei die Massaker an Armeniern auf dem Gebiet der heutigen Türkei vor gut hundert Jahren als Völkermord eingestuft.

Lammert machte auch deutlich, dass in der Incirlik-Frage keine Eile bestehe. Die von ihm genehmigte Reise deutscher Abgeordneter stehe "ja nicht unmittelbar" bevor. Die Verteidigungsexperten aller Bundestagsfraktionen hatten angekündigt, im September gemeinsam zu den Soldaten in die Türkei reisen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Wochenende bei einem Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan erfolglos für ein Ende des Besuchsverbots eingesetzt.