Streiten sich zwei Angler – Seite 1

Die Schlaglöcher der Landstraße nach Godendorf zerren am Lenkrad, und jeder Ruck scheint unsere Vorurteile zu bestätigen. Hier im Süden der Mecklenburgischen Seenplatte errang die Alternative für Deutschland (AfD) bei den Wahlen zur Gemeindevertretung 2014 den höchsten Stimmenanteil in ganz Mecklenburg-Vorpommern und wir denken: Die Dorfbewohner kämpfen bestimmt um Jobs, die Häuser verfallen, die Jugend zieht weg, und die Straßen sind löchrig, natürlich.

An einem solchen Ort sollten wir nachspüren können, warum die AfD bei den Landtagswahlen am 4. September in Mecklenburg-Vorpommern gewinnen könnte. Es ist der erste Stopp unserer 30-tägigen Reise durch das Bundesland #obenrechts und wir wollen wissen: Was finden die Menschen an der AfD? Und was lässt sich daraus verstehen über Deutschland? Eben las ich noch: Kurz vor Weihnachten schleuderten Unbekannte in Godendorf einen Brandsatz auf die örtliche Flüchtlingsunterkunft.

Doch sobald wir das gelbe Ortsschild passieren, gleitet unser Auto über eine frisch geteerte Dorfstraße, die zwischen zwei glitzernden Seen hindurch, vorbei an weiß gestrichenen Häuser und gemähten Wiesen in den Ort führt. 

Am rechten See wohnt der Bürgermeister. Und am linken See, auf der anderen Straßenseite also, wohnt sein Widersacher. Der Erfolg der AfD hier hat viel mit diesen beiden Männern zu tun, mit den Seen und mit der DDR-Vergangenheit des Ortes.

Der parteilose Bürgermeister Norbert Blaack sitzt in Polohemd und Schiebermütze im Gemeindehaus und erzählt: 236 Menschen leben in Godendorf, Straßen, Bürgersteige, LED-Laternen – alles neu, die Gemeindekasse ist trotzdem ungefähr 900.000 Euro im Plus. In die umliegenden Häuser ziehen junge Familien ein und alle Ferienwohnungen sind ausgebucht.

Solche Zustände kenne ich eher aus Orten wie dem schwäbischen Reutlingen, aber ich hätte sie nicht in Mecklenburg-Vorpommern erwartet. Über dieses Land werden eher andere Geschichten erzählt. Geschichten über Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Depression. Warum also, Herr Blaack, bekam die AfD hier 34 Prozent?

Der Bürgermeister sortiert Flaschen im Supermarkt

"Der Riss im Dorf verläuft zwischen jenen, die in der DDR gut gestellt waren und jenen, die unter dem System litten", sagt der 56-Jährige. "Ich kann nicht sagen, dass es mir schlecht ging."

Blaack war zu unangepasst, um im Kontrollstaat DDR Karriere zu machen, aber im Geben und Nehmen der Mangelwirtschaft kam er gut zurecht. Als einer von zwei Aluminiumschweißern im nahe gelegenen Kombinat konnte er von jedem auf einen Gefallen hoffen, der eine schnelle Schweißnaht brauchte. 

"Mein Kollege war Trinker, der wollte nur den Schnaps. Das Obst und die Broiler aus der nahe gelegenen Zucht bekam ich", sagt Blaack, der auch im Kapitalismus seinen Dreh hat, um durchzukommen: einen Zwölfstunden-Job als Flaschensortierer im Supermarkt für die gesetzliche Krankenversicherung, freiberufliche Wasseranalysen fürs Geld, und Bürgermeister für ... ja, für was eigentlich? Blaacks Antwort: "Irgendwer muss es ja machen."

Wo das Politische privat ist, wählen viele ihre Freunde und Bekannten

Der Saegersee in Godendorf-Papiermuehle, Deutschland, Mecklenburg Vorpommern, 06.08.2016 © Thomas Viktor für ZEIT ONLINE

In einem kleinen Ort wie Godendorf ist das Politische auch immer privat. Und in einem Landstrich, der von der Schönheit seiner Seen lebt, sind diese natürlich auch politisch aufgeladene Gewässer. Zumindest wenn man Peter Hintze fragt.

Der 60-Jährige mit Schnurrbart und grimmigem Blick verweigerte sich dem System der DDR, die Roten waren ihm zuwider. Heute ist er Chef der örtlichen AfD und der Machtkampf zwischen ihm und Blaack, der letztlich die AfD ins Dorf brachte, begann mit mehreren Propangasflaschen. Roten Propangasflaschen.

Die Sache mit dem See

Hintze war Gründer des örtlichen Angelvereins, Blaack Mitglied. Vor ein paar Jahren wollte Hintze die Propangasflaschen als Bojen im See versenken, um Fanggebiete zu markieren. Blaack widerstrebte so viel Reglement, es kam zum Streit, Hintze setzte sich durch, Blaack – noch nicht Bürgermeister – , verließ den Verein. Es war der erste Bruch.

Vor vier oder fünf Jahren, genau erinnert sich keiner, stand dann der See rechts der Dorfstraße zum Verkauf. Der See vor dem Haus von Blaack, der mittlerweile das Dorf regierte. Ein Privatmann wollte verkaufen, die Gemeinde genoss Vorkaufsrecht und Blaack schlug zu. "Damit wieder jeder den See nutzen kann", sagt er.

Auch der See auf der linken Seite der Straße, der See vor Hintzes Haus, gehört der Gemeinde. Hintzes Angelverein pachtete den See 13 Jahre lang, bis Bürgermeister Blaack die Pacht nicht verlängerte, ebenfalls vor einigen Jahren. Hintze angelt seitdem in einem weiter entfernten See, sein Verein verlor ein Drittel der Mitglieder. Die Gemeinde verkauft seitdem die Angelkarten für beide Seen. "Um den Kaufpreis wieder reinzuholen", wie Blaack sagt.

Dann war da zwischen den beiden noch die Sache mit dem Parkplatz vor Hintzes Restaurant, die andere Sache mit dem Fischbesatz in den Seen, und diese dritte, bei der es um die  Rasenpflege entlang der Straßen ging – alles kleine Streits in der Gemeinde, über die jeder seine Meinung kundtut, von denen keiner mehr genau weiß, wie sie anfingen und abliefen und die trotzdem die Fronten verhärten ließen.

Der Schwiegervater bei der SED

Hintze, der sich gegen die DDR-Führung stellte, sieht sich bis heute vom System benachteiligt. Viele SED-Politiker hätten sich rübergerettet, sie beherrschten bis heute die Kreistagsverwaltung, ist Hintze sich sicher.

Bürgermeister Blaack gehört keiner Partei an. Sein Schwiegervater aber, Joachim Odebrecht, trat jedoch 1959 als Weltkriegszeuge, Antifaschist und Pazifist in die SED ein, brachte es zum Kombinatsdirektor und führte nach der Wende die Geschäfte der Linkspartei in der Nachbarstadt Neustrelitz. Die beiden wohnen im selben Haus, und wenn der Schwiegervater vom Kauf des Sees spricht, der ja nun der Gemeinde gehört, sagt er: "Wir haben den See gekauft." 

Joachim Odenbrecht, Schwiegervater von Buergermeister Blaack, in seinem Wohnzimmer in Godendorf-Papiermuehle, Deutschland, Mecklenburg Vorpommern, 07.08.2016 © Thomas Viktor für ZEIT ONLINE

Jeden Nachmittag um 15 Uhr trinkt Odebrecht Kaffee mit seinem Nachbar. Der ist ein alter Genosse, der Karriere in Betrieb und Partei machte und dessen Tochter seit zwei Jahren in der Gemeindevertretung sitzt. Bürgermeister Blaack hatte sie gebeten, zu kandidieren. Bevor die AfD in die Gemeindevertretung einzog, wurden dort alle Entscheidungen einstimmig gefällt.

Vieles hat Blaack für das Dorf getan. Und viele, die in der DDR politisch mitmischten, leben noch im Dorf. Wer in Godendorf roten Politfilz sehen will, findet genug Belege.

Die AfD als Werkzeug gegen roten Filz

Hintze kandidierte unter der Fahne der AfD als Bürgermeister, druckte vom eigenen Geld Plakate, schrieb ein Programm, ging von Tür zu Tür und überzeugte sieben Freunde und Bekannte, mit ihm zu kandidieren. Und wo das Politische privat ist, wählen viele ihre Freunde und Bekannten.

Neben Hintze schaffte es Brigitte Wolf für die AfD in die Gemeindevertretung. Bis vor zwei Jahren arbeitete sie bei einem Discounter, als Rentnerin sucht sie neue Aufgaben. Sie sitzt mit Hintze und anderen Freunden oft im Garten und grillt. Ihr gefiel, was Hintze über sein Programm für das Dorf erzählte, und sie hält nicht viel von der Politik der Bundeskanzlerin: "Merkel hat vieles richtig gemacht, aber ich bin kein Freund von den Ausländern."

Hintze sieht den roten Politfilz, er will ihn auskämmen und hat in der AfD ein Werkzeug gefunden. Die Stimmung im Land hilft ihm. Die Wahlbeteiligung im Dorf stieg 2014 um 17 Prozentpunkte, die AfD holte ein Drittel der Stimmen. Blaack sagt, seitdem hätte sich eigentlich nichts verändert, immer noch werde fast alles einstimmig beschlossen. Hintze pocht auf Erfolge in der Grünpflege.

Hintze krempelt die örtlichen Verhältnisse um. Ist er zufrieden? "Als die die Briefwahl ausgezählt haben, haben die Stimmen verschwinden lassen", sagt er und steigert sich noch weiter rein: "Die Wahlbeteiligung soll 98,9 Prozent gewesen sein, wie damals unter Honecker geht das hier zu. Fragen Sie ruhig mal im Amt in Neustrelitz nach, dann werden Sie schon sehen."

Ich habe nachgefragt. Die Wahlbeteiligung lag bei 89,9 Prozent. Aber wenn das Politische privat wird, überdecken Glaubenssätze manchmal nackte Zahlen.

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