Für Angela Merkels Auftritt hat die CDU einen besonders schönen Ort ausgesucht. Von dem weißen Pavillon am Zippendorfer Strand in Schwerin hat man einen weiten Blick über den See. Schmucke alte Villen säumen das Ufer. Ein paar Jugendliche spielen Beachvolleyball, Kinder klettern auf einem schiffsförmigen Holzgerüst. Schwerin, diesen Eindruck muss man hier haben, scheint ein Ort zu sein, an dem es sich sehr gut leben lässt.  

Am kommenden Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Und die Kanzlerin ist gekommen, um ihrer Partei Beistand zu leisten, auch wenn sie selbst derzeit eher eine Bedrängte ist. Schließlich sind ihre Popularitätswerte seit den von Flüchtlingen verübten Anschlägen von Würzburg und Ansbach erneut eingebrochen. Und gerade erst hat eine neue Umfrage gezeigt, dass nur noch 42 Prozent der Deutschen sich wünschen, dass Merkel erneut als Kanzlerin antritt. 

In Schwerin will Merkel am Montagabend 120 Wirtschaftsvertreter davon überzeugen, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu machen. Die Parteizugehörigkeit habe bei der Auswahl der Gäste keine Rolle gespielt, versichert der Sprecher der mecklenburg-vorpommerschen CDU. Dass es sich trotzdem um ein Merkel wohlgesinntes Publikum handelt, wird schnell deutlich. Während draußen noch ein einzelner Unzufriedener sein "Volksverräter" in den Abendhimmel schmettert, wird im Inneren bereits geklatscht.  

"Der Mittelstand als Rückgrat unserer Wirtschaft" lautet das Thema des Abends. Doch natürlich könne man auch über alle anderen Fragen reden, versichert Merkel gleich am Anfang. Und da gäbe es ja so einige. Schließlich befindet sich die CDU in Mecklenburg-Vorpommern derzeit in einer äußerst unkommoden Lage. Bei der Wahl droht sie als dritte Kraft hinter die AfD zurückzufallen. In der jüngsten Umfrage lag die CDU bei 22, die AfD bei 21 Prozent. Doch die Erfahrung vergangener Wahlkämpfe lehrt, dass die Rechtspopulisten am Ende meist noch ein bisschen stärker werden als vorhergesagt. 

Dass daran Merkels Flüchtlingspolitik schuld sei, sagt längst nicht mehr nur die CSU. Auch der SPD-Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, mit dem die CDU in einer großen Koalition regiert, hat sich vor einigen Wochen in diese Richtung geäußert, und seinem Herausforderer und bisherigen CDU-Innenminister Lorenz Caffier fiel es in der NDR-Wahlarena sichtlich schwer, auf diesen Vorwurf eine überzeugende Entgegnung zu finden.

Denn dass die Flüchtlingspolitik diesen Wahlkampf dominiert, daran gibt es – unabhängig davon, ob man sie deswegen für falsch halten muss – wenig zu deuteln. In einer Umfrage von Infratest dimap wurde das Thema am häufigsten als wahlentscheidend genannt, erst danach folgten soziale Gerechtigkeit, Arbeitsmarkt oder Wirtschaftswachstum.

Mecklenburg-Vorpommern wählt

Mecklenburg-Vorpommern wählt

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Bernd Wüstneck/dpa
Erwin Sellering

Erwin Sellering

Der SPD-Kandidat ist seit 2008 Ministerpräsident.

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Bernd Wüstneck/dpa
Sein Herausforderer am 4. September

Sein Herausforderer am 4. September

CDU-Spitzenkandidat Lorenz Caffier, bisher Innenminister, will die Staatskanzlei erobern.

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Jens Büttner/dpa
Große Koalition

Große Koalition

Seit zehn Jahren regieren SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam.

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Richtig! Sellering ist bei den Wählern beliebt, die Menschen sind zufrieden mit seiner Arbeit. Selbst unter CDU-Anhängern war zuletzt eine Mehrheit für ihn.

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Falsch. Die SPD führt mit 26 Prozent, die AfD kommt auf 19.

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Richtig!

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Höfliche Besorgnis

Die Herren und wenigen Damen, die sich an diesem Abend vor Merkel versammelt haben, sind in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Sie haben ein echtes Interesse am Breitbandausbau, dem Fachkräftemangel oder der Währungspolitik. Das ist der Vorteil solcher Zielgruppenveranstaltungen, von denen Merkel in diesem Wahlkampf gleich drei absolviert, während sie sich ansonsten mit größeren öffentlichen Auftritten eher zurückhält. Die wenigen Fragen zur AfD und den Flüchtlingen stellen die Geladenen im Ton höflicher Besorgnis. Echte Kritik muss sich Merkel keine anhören.

Da geht es den CDU-Wahlkampfhelfern im ganzen Land anders. Wohl auch weil sie mit ihren Wahlkampfständen, anders als Merkel bei ihrem Auftritt, mitten auf den Straßen und Marktplätzen des Landes stehen. "Ich bin entsetzt über den aggressiven Ton, den normale bürgerliche Leute anschlagen, wenn es um Flüchtlinge geht", sagt zum Beispiel Silvia Rabethge, Mitglied im CDU-Kreisvorstand Schwerin. Eine Erfahrung, die Egbert Liskow, der Kreisvorsitzende von Vorpommern-Greifswald, nur bestätigen kann. "Man ist schon manchmal schockiert, wie groß die Wut auch bei gut situierten Leuten ist", sagt er. Vor allem im ländlichen Raum sei die Ablehnung der etablierten Parteien deutlich zu spüren.