Fast ein Jahr nach der Entscheidung der Bundesregierung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, ist unklar, wie viele Flüchtlinge genau nach Deutschland gekommen sind – offenbar sind es aber weniger als zunächst angenommen: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) geht inzwischen davon aus, dass die Zahl unter einer Million liegt.

Warum sind die Zahlen so unklar?

Angesichts der teilweise chaotischen Zustände im vergangenen Herbst und Winter wurden einige Flüchtlinge offenbar mehrfach erfasst, andere zogen später in andere Staaten weiter. Auch sind nicht alle Flüchtlinge, die seit September 2015 zu uns kamen, zentral registriert. Viele wurden nach ihrer Ankunft ohne Registrierung direkt in einzelne Bundesländer und von den dortigen Erstaufnahmen auf Kommunen verteilt, andere kamen bei Verwandten oder Bekannten unter. Dort wurden ihre Daten schließlich aufgenommen, doch nicht immer auch an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) weitergegeben.

Was ist aus den Flüchtlingen geworden?

Viele Flüchtlinge leben noch immer in Notquartieren, manche haben aber auch schon eigene Wohnungen gefunden. Fast die Hälfte von ihnen weiß noch nicht, ob und wie lange sie in Deutschland bleiben dürfen. Seit Oktober 2015 fällte das Bamf nur etwa 450.000 Asyl-Entscheidungen. Bearbeitungstakt und Mitarbeiterzahl beim Bamf sind zwar deutlich erhöht, doch rund 530.000 Asylanträge werden derzeit noch bearbeitet; und mindestens 100.000 Geflüchtete müssen ihren Antrag erst noch stellen, vielleicht sogar doppelt so viele.

Etwas weniger als 50 Prozent der Antragsteller, die schon einen Bescheid vom Bamf haben, wurden als Flüchtlinge anerkannt. Zehn Prozent erhielten entweder den sogenannten subsidiären Schutz für zwei Jahre und ohne Nachzug von Familienangehörigen – oder eine vorübergehende Duldung, etwa, weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht abgeschoben werden können. Damit liegt die Schutzquote insgesamt bei rund 60 Prozent. Die Übrigen müssen Deutschland verlassen. Doch nur etwa 45.000 Menschen gingen bisher freiwillig, ungefähr 16.000 wurden abgeschoben.

Ein Teil der Flüchtlinge hat schon Arbeit gefunden. Die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus den wichtigsten Asylherkunftsländern stieg im Laufe des letzten Jahres um 31 Prozent – auf knapp 100.000 im Mai 2016. Aber auch die Arbeitslosigkeit in dieser Personengruppe verdoppelte sich seit letztem Jahr: Im Juli waren 15.000 Personen aus diesen Ländern ohne einen Job.

Was ist mit den vielen unbegleiteten Minderjährigen?

Die Jugendämter, die sich um die Minderjährigen kümmern müssen, sind oft überlastet. Gerade erst schreckte ein Zahl die Öffentlichkeit auf: 8.991 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge seien nach ihrer Einreise verschwunden, berichtete das BKA. Sie dürften aber nicht Opfer von Verbrechen geworden sein: Die Mehrzahl sei wohl zu Eltern oder Verwandten weitergereist, viele auch ins Ausland, ohne dass sie sich offiziell abgemeldet hätten. In Bayern, wo zeitweise fast 4.500 minderjährige Flüchtlinge registriert waren, ist nicht ein einziger Fall aktenkundig, bei dem ein allein reisendes Kind zum Opfer eines Verbrechens wurde.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat der Zuzug?

Wirtschaftlich könnte Deutschland vom Flüchtlingszustrom profitieren, meinen Ökonomen. Die Wirtschaftsweisen rechnen allein 2016 zwar mit Ausgaben von neun bis 14,3 Milliarden Euro für Flüchtlinge. Die Großbank Unicredit geht aber davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt dank des Zuzugs bis 2020 um 1,7 Prozent steigen könnte.