Für manchen ist der Einsatz der Bundeswehr in der jetzigen Lage praktisch unausweichlich. "Wir alle hoffen ja, dass es nie zu einem Großszenario kommt, der den Einsatz der Bundeswehr im Inneren erfordert", sagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Aber Paris habe "uns allen die Augen geöffnet". Einer ihrer Vorgänger verbreitet ähnliche Parolen: "Da bleibt gar nichts anderes, als dass in solchen Fällen militärische Mittel herangezogen werden müssen, also die Bundeswehr", sagt Rupert Scholz (CDU), ehemaliger Verteidigungsminister. "Hätte es in München eine Terrorlage mit drei Tätern an drei Orten gleichzeitig gegeben, vielleicht mit Geiselnahmen, dann wäre die Polizei sehr schnell an ihre Grenzen gestoßen", meint auch Klaus Bouillon (CDU), Innenminister des Saarlands.

Nach den Anschlägen von islamistischen Tätern in einem Zug in Würzburg und vor einem Festivalgelände in Ansbach sowie dem Amoklauf in einem Einkaufzentrum in München fordern Politiker aus der Union, die Bundeswehr im Kampf gegen den Terror einzusetzen – nicht wie bisher in Afghanistan, Irak oder Mali, sondern in den deutschen Innenstädten. Doch bislang scheint den Befürwortern des Einsatzes im Innern, die sich im Sommerloch täglich in den Medien zu Wort melden, eine realistische Idee zu fehlen, in welchem Szenario die Bundeswehr gebraucht werden könnte. Anders gefragt: Was fehlt der Polizei, was die Armee einbringen könnte?

Die bayerische Landesregierung hat eine Bestandsaufnahme ihrer Einsatzkräfte gemacht und eine Einkaufsliste erstellt. Polizisten sollen Taser erhalten, neue Pistolen und Einsatzstöcke, sowie Schutzwesten und Titanhelme, die auch dem Beschuss aus automatischen Waffen wie Kalaschnikows standhalten. Personellen Bedarf machten die Bayern für die "Observation von Extremisten" aus und bei den Spezialkommandos. Mit Tasern, Waffen, die etwa einen Attentäter ausschalten können ohne ihn zu töten, können normale Soldaten nicht umgehen. Und lediglich die Feldjäger, also die Militärpolizisten, nutzen Polizeiausrüstung. Sie haben seit den Auslandseinsätzen auf dem Balkan gelernt, mit Wasserwerfern, Schutzschildern und Schlagstöcken umzugehen. Aber niemand behauptet, dass sie das besser könnten als die intensiver ausgebildeten Polizisten.

Terroristen im Inland zu beschatten gehört ebenfalls nicht zu den Kompetenzen der Armee. Zwar beobachten Fernspäher der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen mögliche Ziele, wenn nötig tagelang ohne entdeckt zu werden. Sie haben etwa Taliban-Anführer überwacht, die sich in Lehmhütten in einem Dorf versteckt haben. Und mit Drohnen hat die Bundeswehr nach Terroristen gesucht, die Sprengfallen versteckt haben. Doch für solche Missionen in Großstädten wie Berlin oder Hamburg sind Polizei und Geheimdienste weitaus besser aufgestellt.

"Wir brauchen Polizisten"

"Die Hilfe, die wir benötigen, kann die Bundeswehr überhaupt nicht bieten", sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow dem ZDF. "Wir brauchen Ermittler, wir brauchen Polizisten, die rechtsstaatlich ausgebildet sind und im Rahmen der Verhältnismäßigkeit der Mittel dann die notwendigen Maßnahmen treffen."

Und die Zahl der Soldaten, die im Kommando Spezialkräfte dienen und für Geiselbefreiung und gezielte Angriffe auf Terroristen tätig sind, ist bereits heute zu gering – ohne neue Aufgaben. Das KSK hat große Personalsorgen. Zudem verfügt die Bundespolizei über eine Sondereinheit, die zu den besten der Welt gehört: die GSG 9.

Ihr Kürzel steht für Grenzschutzgruppe 9, das Erbe einer Zeit als Deutschland noch über eine paramilitärische Polizei verfügte. Viele Partnerstaaten der Bundesrepublik unterhalten heute noch solche Sonderpolizeien, etwa die Gendarmerie nationale in Frankreich, Guardia Civil in Spanien, Guarda Nacional Republicana in Portugal, Carabinieri in Italien. Viele europäische Staaten verfügen über kasernierte und schwerbewaffnete Polizisten, die meist sogar dem Verteidigungsminister unterstehen. Sie werden dauerhaft im Inland eingesetzt.