Zur Landtagswahl am 4. September in Mecklenburg-Vorpommern wird es keinen Wahl-O-Mat geben. CDU und SPD verweigern die Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung, die das kleine, beliebte Programm verantwortet. Weil, wie SPD-Landesgeschäftsführer Marcus Unbenannt dem Nordkurier sagte, "der Wahl-O-Mat eine Einfachheit vorgaukelt, die nicht echt ist".

Das ist ein guter Anlass, zu fragen, was ihrerseits die beiden Volksparteien in Mecklenburg-Vorpommern an Volksnähe vorgaukeln, die nicht echt ist.

Es stimmt, der Wahl-O-Mat hat Schwächen. Er ist nicht in der Lage, die Aussagen auf Konsistenz und Umsetzbarkeit zu überprüfen. Parteien können hier hemmungslos Forderungen erheben und neue Ausgaben versprechen, ohne, dass eine rote Lampe blinken würde wegen überzogenen Budgets oder inhaltlichen Widersprüchen. Darauf müssen die Wähler selbst achten. Und natürlich ist die Wirklichkeit komplizierter als die mit "Stimme zu", "Neutral" und "Stimme nicht zu" zu bewertenden Ein-Satz-Aussagen in dem Tool. Ja, der Wahl-O-Mat vereinfacht. Aber er ist nicht schuld an dieser Vereinfachung, sondern eher ihr Instrument.

Politische Kommunikation ist nie so komplex wie die Welt, die sie zu beschreiben versucht. Das liegt an knappen Ressourcen, also der begrenzten Aufmerksamkeit, Zeit und Mühe der Wähler, deren Leben ja (zum Glück) noch aus anderem besteht als Wahlentscheidungen. Um sie zu erreichen, mussten Parteien ihre Botschaften schon immer knapp halten.

Womit wir bei den Wahlplakaten wären. Jene SPD, die dem Wahl-O-Mat falsche Vereinfachung vorwirft, druckt ja auf ihre Plakate nicht etwa ihr komplettes Wahlprogramm in Schriftgröße 8. Nein, sie plakatiert das Gesicht ihres Ministerpräsidenten Erwin Sellering und den, na ja, unterkomplexen Slogan "SPD – gemeinsam auf Kurs".

Nun nehmen viele, gerade junge Wähler, den Wahl-O-Mat verständlicherweise ernster als die in die Landschaft plakatierten Politikergesichter. Das Tool funktioniert, es dient zur Meinungsbildung. Parteien haben nun die Wahl, es zu ignorieren oder mitzumachen. Wer es wie die Regierungsparteien in Mecklenburg-Vorpommern ignoriert, bereits das dritte Mal in Folge übrigens, verzichtet damit auf ein etabliertes, wenn auch mangelhaftes Mittel zur politischen Meinungsbildung, die ja grundgesetzliche Aufgabe der Parteien ist.

Das muss man sich leisten können. SPD und CDU in Nordost können es sich nicht leisten.

Die Wahlbeteiligung ist von 1998 bis 2011 von 79 auf 51 Prozent gefallen. Umfragewerte knapp unter 20 Prozent für die AfD zeigen, dass deren Verachtung für "Altparteien" und den "Mainstream" hier von vielen geteilt werden. CDU (25 Prozent) und SPD (22 Prozent) lagen in der jüngsten Umfrage Ende Juni nur noch knapp davor.

Das ist die real existierende politische Öffentlichkeit. Angesichts ihrer wirkt ein Boykott des Wahl-O-Mat weltfremd, immerhin ist er eines der letzten breitenwirksamen Instrumente politischer Vermittlung. Die entscheidende Frage an die Parteien, die sich zu fein sind für den Wahl-O-Mat, ist deshalb: Was habt ihr stattdessen anzubieten?

Die NPD übrigens wirft in diesen Tagen einen Flyer in die Briefkästen des Landes. "Welche Partei vertritt Ihre Interessen?", steht darauf, und innen 17 Aussagen für Grenzkontrollen, gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle, für ein Aufnahmestopp für Flüchtlinge. Wer dem Großteil der Aussagen mit einem grünen Smiley zustimmt, dem wird auf der Rückseite empfohlen, NPD zu wählen. Die Rechtsradikalen haben längst begonnen, die Lücke zu füllen, die ihnen SPD und CDU lassen.