Es sind zwei Zahlen, die Helmut Holter an diesem Tag zu schaffen machen: 34 und 13. Das Mikrofon in der Hand, blickt der Spitzenkandidat von der Bühne seines Wahlkampftrucks auf die wenigen Linksparteianhänger herab, die sich in der Augusthitze auf den Bierbänken verteilt haben. Erbarmungslos brennt die Nachmittagssonne auf den betongepflasterten Platz vor dem Rathaus Neubrandenburg, einem farblosen klotzförmigen Zweckbau am Friedrich-Engels-Ring, vor dem kein Baum Schatten spendet.

Bei 34 Grad macht das Wahlvolk hitzefrei, der Stimmenkampf wird zur Schwerstarbeit. Und auf 13 Prozent ist die Linke in den Umfragen gefallen – um drei Punkte, und das praktisch über Nacht. Am nächsten Sonntag, dem letzten Ferientag, wird gewählt. Nur noch wenig Zeit bleibt, Schlimmeres zu verhüten.

Holter ist 63 Jahre alt, er hat in Mecklenburg-Vorpommern schon viel erlebt, er hat als Arbeitsminister acht Jahre in einer rot-roten Regierung mitregiert. Zur Wahl vor fünf Jahren kam seine Partei auf 18 Prozent. Diesmal aber ist alles anders. "Ein neuer politischer Akteur ist hinzugekommen, der alles durcheinanderbringt", lamentiert Holter von der Bühne.

Die Linkspartei unter sich: Spitzenkandidat Helmut Holter auf dem Rathausplatz in Neubrandenburg © Tilman Steffen

Auch ohne dass Holter die AfD nur einmal namentlich erwähnt, wissen hier alle Bescheid. Es ist jene Partei, die wie ein Magnet die Wähler aus allen Lagern anzieht, obwohl sie von vornherein ausschließt, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Die der Linken die Protestwähler wegnimmt, die über Facebook erfolgreich junge Menschen anspricht, während der Linkspartei Wähler und Mitglieder wegsterben. Die AfD könnte am Sonntag hinter der SPD auf Platz zwei landen, obwohl sie Flüchtlinge aus dem Land haben möchte und den Islam verteufelt. Oder gerade deswegen.

Für Holter ist klar, die AfD macht Wahlkampf mit Flüchtlingshetze. "Dabei können die Flüchtlinge gar nichts dafür, dass sie hier sind", sagt er. Doch im strukturschwachen Nordosten ist Angst vor sozialem Abstieg weit verbreitet. Das treibt der AfD die Wähler zu. Wichtig sei, neben den Flüchtlingen eben auch die deutschen Langzeitarbeitslosen nicht zu vergessen, steuert Holter dagegen.

Mecklenburg-Vorpommern wählt

Mecklenburg-Vorpommern wählt

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Bernd Wüstneck/dpa
Erwin Sellering

Erwin Sellering

Der SPD-Kandidat ist seit 2008 Ministerpräsident.

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Sein Herausforderer am 4. September

Sein Herausforderer am 4. September

CDU-Spitzenkandidat Lorenz Caffier, bisher Innenminister, will die Staatskanzlei erobern.

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Große Koalition

Große Koalition

Seit zehn Jahren regieren SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam.

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Richtig! Sellering ist bei den Wählern beliebt, die Menschen sind zufrieden mit seiner Arbeit. Selbst unter CDU-Anhängern war zuletzt eine Mehrheit für ihn.

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Falsch. Die SPD führt mit 26 Prozent, die AfD kommt auf 19.

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Richtig!

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Überzeugen muss er hier niemanden – auf dem gesamten Platz vor dem Rathaus findet sich keiner, der nicht die Linke wählt oder sogar schon per Brief gewählt hat. Viele sagen, dass sie eine starke Opposition wollen. Dass Holter mitregieren möchte, spielt keine Rolle.

Die Linke will mit SPD und Grünen die seit zehn Jahren regierende große Koalition beenden und durch eine rot-rot-grüne Regierung ersetzen. Doch es gibt keine Wechselstimmung im Land. Der Großteil der Bürger ist mit der SPD/CDU-Regierung zufrieden, SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering sogar bei CDU-Anhängern hochbeliebt. Strategisch geschickt hat er sich in Interviews von der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel abgesetzt, was den Wählern im Land gefällt. Auch sein CDU-Herausforderer und Innenminister Lorenz Caffier erklärt öffentlichkeitswirksam, auf Wahlkampfhilfe aus Berlin verzichten zu wollen. Es ist so gut wie sicher, dass Rot-Schwarz in Schwerin nach der Wahl weitermacht.

So bleibt die Linkspartei in der 60.000-Einwohner-Stadt Neubrandenburg unter sich – aus sicherer Distanz blicken die Insassen der Autos auf dem Friedrich-Engels-Ring im Vorüberfahren auf eine betagte Großfamilie, auf ältere Damen, die mitgebrachten Kuchen anbieten und Herren in kurzärmligen Hemden, die über zunehmende Atemnot klagen.

Die klassische Wahlkampfkundgebung bewirkt nichts

Eva-Maria Kröger (links) will erstmals in den Landtag. Wahlkampf in der Fußgängerzone in Lütten Klein, Rostock © Tilman Steffen

Auch zu früheren Veranstaltungen sei stets nur dieselbe Altersgruppe gekommen, erzählt einer von ihnen. Unter 40 sind hier nur die vier Jongleure – Freunde des örtlichen Landtagskandidaten Marcel Meister – die zur Musik des Duos Zweisitzer Ringe und Keulen schwingen und aus farbigen Luftballons Figuren knoten.

Für Eva-Maria Kröger hat die klassische Wahlkampfkundgebung längst ausgedient, wenn es um die Ansprache der Wähler geht. Die weißblonde Mittdreißigerin hat sich an diesem Vormittag mit ihrem Helferteam in der belebten Fußgängerzone im Rostocker Ortsteil Lütten Klein postiert. Mit roten Papiertütchen ködert sie Passanten, darin ein Infobüchlein über die Kandidatin, Wahlkampfkleinkram wie die im Osten beliebten Pfeffi-Lutschbonbons und ein Marmeladengläschen. Kröger ist seit 2009 Abgeordnete der Rostocker Bürgerschaft. Trotz der deprimierenden Umfrage hat sie gute Chancen, neu in den Landtag zu kommen. Der eloquenten Kulturpolitikerin wäre durchaus ein Ministeramt zuzutrauen, ist aus dem linken Parteienlager im Schweriner Landtag zu hören.

Probleme mit Arabern in der Gartenkolonie: Landtagskandidatin Eva-Maria Kröger hört ausgiebig zu. © Tilman Steffen

Doch SPD und CDU sind in den Umfragen stärker als das Linksbündnis aus SPD, Linken und Grünen. "Das schmerzt schon", sagt Kröger. Ein Grund für den Absturz der Linkspartei sind die Flüchtlinge, das bekommt Kröger in den Gesprächen hier ganz direkt zu hören. Eigentlich ist die Plattenbausiedlung Kerngebiet der Linken, bei der letzten Kommunalwahl kam sie hier auf fast 40 Prozent. Doch eine ältere Dame mit Fahrrad kündigt an, diesmal nicht die Linke zu wählen, sondern "eine ganz schlimme" Wahlentscheidung zu treffen – also für die AfD zu stimmen. Die gelernte Kosmetikerin klagt Kröger ihre Probleme in der Kleingartenanlage mit einer arabischen Familie, die zu laut sei. Kröger wirbt für das Miteinanderreden, sie zeigt Verständnis für das Ruhebedürfnis. Sie spricht von Integration, die keine Einbahnstraße sein dürfe. Das Dilemma: In einem Bundesland, in dem es kaum Menschen gibt, fällt jeder der wenigen Flüchtlinge sofort auf, auch negativ.

Dass die Linke in der Flüchtlingsfrage eigentlich gar keine einheitliche Linie hat, merkt in Lütten Klein niemand. Einerseits will sie "offene Grenzen für alle", Fraktionschefin Sahra Wagenknecht aus dem Bundestag aber sieht in Flüchtlingen "Gefahrenpotenzial". Kröger versucht ausgiebig, all jene Skeptiker zu überzeugen, die wie Wagenknecht denken. Mit manchem hier spricht sie 20 Minuten und länger. Dann teilen Krögers Helfer die frisch gefüllten Tütchen an die Passanten aus. An dem Infotisch stauen sich Fahrräder und Rollatoren.

Als in Neubrandenburg der Landtagskandidat Meister seine Rede beendet hat und die Musik wieder spielt, schiebt eine Frau ihr Fahrrad auf den Vorplatz des Rathauses. Sie hebt die fünfjährige Tochter vom Kindersitz, damit sie sich bei den Jongleuren eine geknotete Luftballonfigur abholen kann. Auf die nahende Wahl angesprochen, erreicht die Unterhaltung schnell das Thema Flüchtlinge. Sie hole ihre Lebensmittel oft bei der Tafel, sagt die junge Mutter. Dort seien auch Flüchtlinge mit modernen Handys und mit Nike-Schuhen an den Füßen. "Das sind Dinge, die würde ich meinen Kindern auch gern gönnen." AfD zu wählen, käme für sie aber nicht infrage, die sei ihr zu extrem. Für die Linke ist diese Frau noch nicht verloren.