Er sei ein Gegner der "sakralen Flüchtlingsromantik", sagt AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm. Man dürfe "das eigene Volk nicht überfordern". "Asylchaos beenden", plakatiert seine Partei derzeit in Mecklenburg-Vorpommern. SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering hat mehrfach Merkels "Planlosigkeit" kritisiert, sein CDU-Herausforderer Lorenz Caffier sorgt sich um die innere Sicherheit – und die Grünen plakatieren "gegen Rechts und Populismus". Die Parteien scheinen vor der Landtagswahl am 4. September um das Thema Flüchtlinge einfach nicht herumzukommen.

Doch ist die Heimatregion der Kanzlerin wirklich so gebeutelt durch die Flüchtlingskrise, wie es die Rechtspopulisten suggerieren?

Weil das Bundesland zu den wirtschaftlich schwächeren gehört, weist der Bund Mecklenburg-Vorpommern eher wenige Flüchtlinge zu. 18.851 waren es im Jahr 2015, nur das Saarland und Bremen bekamen weniger

Flüchtlingsheime stehen leer

Auch in Mecklenburg-Vorpommern herrschte im vergangenen Herbst kurzzeitig Platzmangel, Notunterkünfte wurden gebaut. Im Oktober 2015 stellte die Landesregierung 5.600 Erstaufnahmeplätze für Flüchtlinge zur Verfügung. Heute sind es noch 3.300, von denen aber nach Angaben des Innenministeriums aktuell nur noch 582 belegt sind.

Die Vorsitzende des Flüchtlingsrats Mecklenburg-Vorpommern, Ulrike Seemann-Katz, spricht daher von einer guten Situation für Flüchtlinge in ihrem Land. "Wir haben weniger Flüchtlinge als in den Metropolen. Und vor allem haben wir Platz", sagt sie. Die meisten Flüchtlinge leben in eigenen Wohnungen, allerdings oftmals auf dem platten Land. In Mecklenburg-Vorpommern, das unter Abwanderung und Überalterung leidet, gibt es einen großen Leerstand. 

Für eine Kontroverse sorgen in Mecklenburg-Vorpommern daher aktuell nicht etwa überfüllte Flüchtlingsheime, sondern die Überlegungen des CDU-Innenministers, Flüchtlinge wieder aus den Wohnungen in die Heime zurückzuholen. Das habe finanzielle Gründe, denn auch leer stehende Massenunterkünfte verursachten Kosten, sagt eine Ministeriumssprecherin. In den Heimen seien Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch laufen, zudem besser betreut und von einem Sicherheitsdienst beschützt.

Ende Juni waren in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 22.000 Flüchtlinge gemeldet, die sich entweder im Asylverfahren befanden oder schon einen Aufenthaltstitel hatten. In einem Land mit 1,6 Millionen Einwohnern fällt das nicht unbedingt ins Gewicht. Doch im dünn besiedelten Nordosten, wo viel Landschaft ist und wenig Menschen leben, fallen sie doch auf. Die größte Stadt des Landes, Rostock, hat 200.000 Einwohner.

Tourismusbranche sucht Mitarbeiter

Das Problem sei, dass die neuen Einwohner gar nicht bleiben wollten, erzählt Flüchtlingshelferin Seemann-Katz: Viele Flüchtlinge durchliefen hier nur das Asylverfahren und gingen dann nach Berlin oder Hamburg. "Für einen 20-jährigen jungen Mann ist das Leben auf dem Land hier nicht immer attraktiv", sagt Seemann-Katz. Dabei hätte er in den Tourismusgebieten an der Ostsee und der Mecklenburger Seenplatte grundsätzlich keine schlechten Jobchancen.

Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern mit neun Prozent immer noch recht hoch, und auch viele Flüchtlinge sind nach Abschluss ihres Asylverfahrens erst mal arbeitslos – 1.900 sind es allein in Rostock. Nicht jeder Flüchtling bringt die nötigen Qualifikationen und Sprachkenntnisse mit.

Gleichzeitig hat die Arbeitsagentur Rostock monatlich im Schnitt 2.500 offene Stellen registriert, "aus allen Bereichen", wie Pressesprecher Thomas Drenckow sagt. Jeden Monat würden neue Stellen nachgemeldet, der Arbeitsmarkt sei sehr flexibel. Gerade in den Tourismusgebieten an der Ostsee werde dringend Personal gesucht – wenn auch zunächst nur für die Saison als Küchenhilfe. Aber auch Klempner und Krankenpfleger seien mittlerweile rar.

Anders als in anderen Gebieten der Bundesrepublik gilt in Mecklenburg-Vorpommern die Vorrangprüfung für Ausländer weiterhin – Arbeitgeber müssen also nachweisen, dass kein gleich qualifizierter Deutscher für den Job infrage käme. Das verstärkt zwar den Verwaltungsaufwand, muss aber kein Hindernis sein: Drenckow erzählt vom Fall eines Afghanen, der nun Berufskraftfahrer werde – viele Deutsche hätten auf den Beruf keine Lust mehr, weil er so viele Abwesenheitszeiten von der Familie mit sich bringe.